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Roald Amundsen – Sein Leben: Teil 5: Der Ruf des Nordpols und der Tod des Polarhelden

In Teil 4 unserer Blogreihe zu dem großen norwegischen Entdecker Roald Amundsen haben wir uns dem Rennen Amundsen gegen Scott am Südpol gewidmet. Mit dem großen Triumph des Norwegers, wohl auch dank seiner besseren Planung und noch größeren Entschlossenheit, der erste am Südpol zu sein. Im letzten Teil unserer Reihe geht es um die letzten Lebensjahre Amundsens. Wir berichten über die heldenhafte Nordpolexpedition von 1925 und über seinen tragischen Tod.

Unter Brüdern

„Es ist genug, Roald“ sagte Leon ernst und legte seinem Bruder die Hand behutsam auf den Rücken, an eine Stelle, wo ihn das Tier nicht verletzt hatte.

Roald antwortete nicht. Grimmig blickte er aus dem Fenster gen Norden und würdigte seinen Bruder keines Blickes.

„Du hast kein Geld mehr, Roald. Keiner will Dir mehr Geld geben und Du bist nicht mehr jung, so wie damals, als…“

Nun sah ihn Roald Amundsen an und in seinen Augen blitzte Zorn, sogar Hass, so dass Leon unbewusst einen Schritt zurücktrat.

„Es ist nie genug, Leon! Niemals nicht, bis alles entdeckt wurde. Nicht, bis ich da war.“

Sein Zeigefinger richtete sich nach Norden.

Ein kurzer Rückblick

Werfen wir einen kurzen Blick zurück: Das Rennen um den geographischen Südpol hatte Amundsen nur aufgenommen, weil es zuvor fehlerhafte Zeitungsmeldungen gab, der geographische Nordpol sei u.a. durch seinen alten Schiffskameraden Cook erreicht worden. So brach Amundsen 1910 zum Südpol auf, im Wettrennen gegen den Briten Robert Falcon Scott.

Beide Männer erreichten 1911 die Antarktis. Nachdem sie den antarktischen Winter in ihren Camps überstanden, brachen sie schließlich im Oktober bzw. November 1911 auf. Amundsen hatte sorgfältiger geplant und auf Hundeschlitten gesetzt, Scott dagegen auf die Kraft der britischen Begleiter. Während Amundsen schnell vorankam und am 15. Dezember 1911 den geographischen Südpol mit seinem Begleiten erreichte, kam Scott, dessen Männer zu Fuß gingen, dort erst Mitte Januar 1912 an.

Geschlagen von Amundsen und entkräftet, konnten Scotts Männer nicht mehr die Basis erreichen und die Briten erfroren in der Antarktis. Amundsen dagegen brach gen Heimat auf, die Nachricht, dass er den Südpol erreicht hatte, verbreitete sich um die ganze Welt. Roald Amundsen wurde als Held gefeiert. Das änderte sich jedoch im Jahr 1913 in Großbritannien als die Nachricht von Scotts Tod das Commonwealth erreichte.

In England wurde Scott nun als Held verehrt. Amundsen dagegen wurde vorgeworfen, dass nicht er, sondern seine Hunde den Südpol erreicht hatten und er nur ein Mitfahrer war. Dieser Vorwurf traf Amundsen hart. Es war ein scheinbarer Makel, den er durch eine neue Entdeckertat aus der Welt schaffen wollte.

Die Jahre danach – die Nordostpassage

Amundsen konnte auch nach seiner Rückkehr nicht vom polaren Abenteuer ablassen. Es war sein Leben. Die Gründung einer Familie, vielleicht die Lehre an einer Hochschule oder die Ausbildung anderer Expeditionsführer, all das interessierte ihn nicht. Er wollte den Ruhm weiterer Entdeckungen.

Sein Blick richtete sich nun in die Arktis. Denn die Berichte, dass der geographische Nordpol schon erreicht war, hatten sich als falsch erwiesen. Amundsen wollte nun nach dem Südpol auch der erste Mensch am Nordpol sein. Allerdings änderte Amundsen seine Auffassung dazu, wie er dorthin gelangen sollte. Während er die Nordwestpassage mit einem Schiff durchquert hatte und ihn die berühmte Fram in die Antarktis brachte, wollte er nun mit einem Flugzeug den Nordpol erreichen und erwarb daher den Flugschein für einen Zivilisten im Jahr 1914.

Amundsen kaufte im gleichen Jahr einen Farman-Doppeldecker. Sein Plan sah vor, Skier auf die Kufen zu montieren und damit polare Hindernisse zu überfliegen. Der Erste Weltkrieg beendete dieses Unterfangen, aber der Entdecker träumte weiterhin davon, über die große Eiskappe zu fliegen.

Amundsen wäre aber nicht der Mann gewesen, der er war, sollte er sich davon aufhalten lassen. Nun plante er wieder die Erkundung des Nordpols durch ein Schiff. Mit finanzieller Unterstützung des britischen Parlaments gab er den Bau der Maud in Auftrag, mit der er in die Nordostpassage eindringen wollte und sich dann mit seiner Crew über mehrere Jahre durch das Eis treiben lassen wollte, bis er so weit in die Nähe des Nordpols käme, dass die letzten Kilometer auf dem Eis per Fuß zurück gelegt werden könnten. Der Traum, der Erste am Nordpol zu sein, trieb ihn weiter an.

Es war der 16. Juni 1918, als das neu gebaute Schiff in Tromsø auslief. Doch die Reise stand dieses Mal unter keinem guten Stern, schnell stieß Amundsen auf dichtes Treibeis und musste an der nordsibirischen Küste überwintern. Hier begann nun eine schicksalhafte Zeit für Roald Amundsen. Zunächst stürzte er Ende September 1918 schwer und zog sich einen Splitterbruch an der linken Schulter zu. Mühsam erholte er sich davon. Doch noch schlimmer war für Ihn der 8. November 1918 – ein Tag, den er nie vergessen sollte.

Gefahr

Er beugte sich über das Eis und kalte Winde strömten um ihn herum. In Gedanken war er bei der Expedition zum Nordpol, bei dem Traum, dorthin als erster Mensch zu gelangen und sein Lebenswerk zu erfüllen. Erster durch die Nordwestpassage. Erster am Südpol. Erster am…

Er hörte das Tier zuerst, bevor er es sah. Nein, er spürte es erst, bevor er es hörte. Er fühlte sich erdrückt, als sich die spitze Klaue in seinen Rücken bohrte, als das Gewicht ihn zu Boden drückte. Lautes Schnauben stieß in sein Ohr.

Oh mein Gott, dachte er nur kurz. Ich werde sterben.

Eisbär.

Alles passierte so schnell und doch war alles so langsam. Ausgerechnet er würde nun so sterben, dachte er, als er sich vergeblich versuchte umzudrehen. Ein Unterfangen, das nicht nur das Gewicht des rasenden Bären, sondern auch der Schmerz in seinem Rücken verhinderte. Er wollte wegkriechen, sich retten. Doch der Eisbär hatte Beute – ihn. Das zweite Mal bohrten sich die Krallen in die Seite seines Rückens und Amundsen heulte auf vor Schmerz. Über ihn nur der Nordhimmel, neben ihm und bald auf ihm ein riesiger Eisbär, wohl ein Männchen, der ihn bald in die Kehle beißen und…

Dann ertönten Schüsse.

Eisbär

Am 8. November 1918 wird Amundsen im Winterquartier von einem Eisbären angefallen und erlitt tiefe Rückenverletzung. Seine Begleiter konnten ihn jedoch mit ihren Gewehren noch im wohl letzten Moment retten. Es hätte nun für Amundsen eine Warnung sein sollen, dass diese Reise unter keinem guten Stern stand. Aber auch hier zeigte sich wieder das Gemüt Amundsens, weder sich noch seinen Leuten Schonung einzuräumen. Er wollte die Reise fortsetzen.

Er führte sogar wissenschaftliche Arbeiten auf dem Eis durch – und nur einen Monat nach der Eisbärenattacke tötete er sich schließlich fast selbst, als er sich bei wissenschaftlichen Arbeiten mit Kohlenmonoxid vergiftete. Amundsen selbst spielte diese Vergiftung später immer wieder herunter. Der für die medizinische Versorgung zuständige Oscar Wisting, der Amundsen behandelte, behauptete später, dass Amundsen dem Tod nahe war und dabei schwere Folgeschäden für sein Herz davongetragen habe. Was nun stimmt, können wir natürlich nicht beurteilen.

Wieder wollte Amundsen nicht aufgeben. Im Januar 1919 lief das Schiff wieder ins Eis aus, kam jedoch nur langsam voran – und schon im September 1919 musste Amundsen wieder an der nordsibirischen Küste überwintern. Jetzt wollte Amundsen wieder auf etwas Bewährtes setzen: Schlittenhunde, die über das Eis rasen sollten und mit denen er den Nordpol erreichen wollte. Doch die Arktis ist nicht die Antarktis, das Eis tückisch und nicht durchgängig. Es ist eben kein Kontinent, sondern ein gefrorener Ozean! So zerschlugen sich die Pläne zu Amundsens bitterer Enttäuschung ebenfalls schnell.

Alle Männer waren am Tiefpunkt angelangt. Die Expedition war gescheitert. Amundsen befahl daher 1920 nach Alaska aufzubrechen. Dort legte die Maud im Juli 1920 Anker. Das Schiff wurde später an die Hudsons Bay Company verkauft – in deren Dienst sank es 1930.

Die Nordpol-Expedition von 1925

Aber auch im Alter von über 50 Jahren (er war 1872 geboren) konnte Amundsen nicht zur Ruhe kommen. Der Nordpol ließ ihn nicht los.

Nun nahm Amundsen den Plan wieder auf, mit einem Flugzeug den Nordpol zu erreichen. Er erwarb im Jahr 1922 einen Junkers J-13-Eindecker. Begeistert sprach er davon, dass dieses Flugzeug bestens geeignet sei durch seine Aluminiumhülle, die harten klimatischen Bedingungen des Nordpols zu überstehen. Leider kam es dazu jedoch nie, das Flugzeug stürzte bei einem Übungsflug über Pennsylvania ab.

Amundsen war inzwischen fast mittellos. Ruhm allein brachte kein Geld. Insbesondere sein Bruder wollte ihn von weiteren Erkundungen abhalten, aber Amundsen war nun einmal, wie er war. Ihn interessierte nur der Nordpol. Immer noch davon überzeugt, dass das Flugzeug das beste Mittel für die Polarforschung war, suchte Amundsen Hilfe bei den Norsk Luftseiladsforeningen, einem norwegischen Luftfahrtverein.

Zwar versprach man ihm Hilfe, aber genug Geld konnte man ihm nicht zur Verfügung stellen. Mit Vortragsreisen in den USA wollte er nun Geld verdienen, als er 1924 einen ungewöhnlichen Anruf erhielt. Lincoln Ellsworth, der Sohn eines Multimillionärs, versprach ihm 85.400 Dollar für einen gemeinsamen Flug über den Nordpol.

Ellsworth war kein reiches Muttersöhnchen, sondern war während des Ersten Weltkriegs zum Flieger ausgebildet worden und akademisch gebildet. Er war Amundsen einmal kurz begegnet – Roald würde später einräumen, dass er sich nicht an die Begegnung erinnern würde, aber er hatte Ellsworth geprägt. Dieser wollte nun unbedingt den Pol gemeinsam mit Roald Amundsen erreichen.

Entdeckergeist

Amundsens Entdeckergeist war neu entfacht. Mit dem Geld in der Hand kaufte er zwei Dornier-Wal-Flugboote. Das Flugzeug verfügte über zwei wassergekühlte Rolls-Royce Eagle-Triebwerke mit 365 PS, von denen eines nach vorn und das andere nach achtern gerichtet war. Sie galten als hervorragende Flugzeuge auch für kühle Regionen, genau das, was Amundsen brauchte.

Amundsen begann nun wieder mit einer akribischen Planung und nahm Spitzbergen ins Visier. Von der norwegischen Insel nahe am Nordpol aus wären es nur ca. 750 Flugmeilen bis zum Nordpol – ein Katzensprung, so schien es. N24 und N25, so sollten die berühmten Flugzeuge heißen.

Von Tromso aus sollten die Flugzeuge 1925 nach Ny-Ålesund auf Spitzbergen gebracht werden – die Überfahrt erwies sich zur Überraschung aller als durchaus schwierig, denn die Schiffe waren schwer beladen und trafen auf heftigen Wellengang. Dennoch gelang es, die Flugzeuge nach Spitzbergen zu bringen.

Es entstand einmal mehr ein tollkühner Plan Amundsens. Beide Flugzeuge würden von Spitzbergen aus Richtung Nordpol aufbrechen, ihn erreichen und mehrfach überqueren, und dann den Rückweg ansetzen. Dabei jedoch gingen die Männer davon aus, dass die Tankfüllungen beider Flugzeuge nicht für die Rückreise ausreichen würden. Daher wollte Amundsen auf dem Rückweg auf dem Eis landen, den Tank des einen Flugzeugs in den anderen umfüllen und das leere Flugzeug dann zurücklassen.

Erneut begann Amundsen mit einer akribischen Planung. Selbstverständlich plante er auch die Ausrüstung ins Detail: Ein leichter Schlitten pro Flugzeug, ein Segeltuchboot, falls es zu Wasser weiter gehen musste, Gewehre und Zelte. Als Verpflegung: gesalzenes Rindfleisch (auch Öfen waren dabei), Schokolade, Kekse, Trockenmilch. Natürlich durfte auch eine Kamera nicht fehlen.

Auf in die Luft

Auf Spitzbergen wurden die Flugzeuge nach dem Transport zusammengesetzt. Amundsen lehnte Übungsflüge am Himmel ab, da er befürchtete, die Flugzeuge würden überbeansprucht bei mehreren Starts und Landungen und das Eis, das als Startbahn diente, könnte brechen. Am 21. Mai 1925 sollte es dann soweit sein.

Beide Flugzeuge erhoben sich am späten Nachmittag mit den Piloten in die Luft. Ellsworth war an Bord von N24, Amundsen an Bord von N25. Nach mehreren Stunden Flug über die gefrorene Masse zwang die blendende Weiße die beiden Piloten nicht nur, Schneebrillen aufzusetzen, sondern auch spezielle Blenden über die Windschutzscheiben zu setzen.

Um dem grellen Weiß zu entgehen, stiegen die Flugzeuge bis zu ihrer maximalen Höhe von 10.000 Fuß. Aus dieser Höhe konnten die Flieger nichts mehr erkennen. Um Treibstoff zu sparen, kehrten die Dorniers auf 3.000 Fuß zurück, wo die Motoren ruhiger liefen.

Am frühen Morgen des 22. Mai 1925 entschied Amundsen erstmals, dass beide Flugzeuge auf dem Eis landen sollten, um die halbleeren Tanks mit dem Reservetreibstoff, der für den Hinweg bestimmt war, zu füllen. Diese Landung war mehr als schwierig, denn beim Sinkflug erkannten die Männer, dass das Eis unter ihnen ein gewundenes Labyrinth war, auf denen eine Landung fast unmöglich schien. Dann streikte auch noch der Heckmotor einer Maschine. Daraufhin entschieden sich Amundsen und seine Leute zur Landung auf einem erstickten Wasserarm, aus dem überall Eisberge herausstachen.

Die Landungen mussten perfekt laufen, sonst würden die Flügel der Maschinen zerschellen. N25 kam nur schwer auf dem Arm zum Stillstand und stieß gegen einen Eisberg. Sofort mussten die Männer aus dem Flugzeug springen und das Eis weghacken, sonst würde das Triebwerk einfrieren und an ein erneutes Aufsteigen war nicht zu denken.

Auswegslos

Die Situation für N24 sah nicht besser aus. Die Maschine konnte nicht landen, es gab nicht genug Platz. N24 konnte in einiger Entfernung in der Nähe eines wässrigen Sees landen – nun starb auch der Heckmotor von N24. Ellsworth war an Bord von N24 und begann sofort mit der Suche nach N25 mit Amundsen, während seine Crew mit der Reparatur des Flugzeugs begann.

Ellsworth nahm Messungen vor und stellte fest, die beiden Maschinen waren etwa 150 Meilen vom Pol entfernt – zudem waren beide Maschinen erheblich vom Kurs abgetrieben, was alle Berechnungen mehr oder minder hinfällig machte. Er und ein Begleiter konnten N25 jedoch nicht erreichen – das Terrain hielt sie auf.

Amundsen und seine Crew waren derweil damit beschäftigt das Eis in der Nähe des Rumpfes von N25 abzuwehren. Mit Messern, einer Axt und einem Eisanker gelang es dem Trio schließlich, genügend Eis abzubrechen, so dass das Flugzeug mehrere Stunden lang freischweben konnte. Obwohl sie erschöpft waren, suchten die Männer vergeblich ihre Umgebung nach N24 ab, bevor sie sich schließlich in die Dornier flüchteten.

Norwegische Flagge

Als Amundsen auf den Flügel des Flugzeugs kletterte, pochte sein Herz. Hatte N24 es geschafft? War Ellsworth abgestürzt? War er gescheitert, schon wieder?

Er blickte in den endlos blauen Himmel, das ruhige Wetter war wie eine Erlösung, dann begann er, den Horizont abzusuchen. Einige Minuten streiften seine Blickte mit dem Feldstecher über den Horizont, dann…hüpfte sein Herz vor Freude. Dort sah er die norwegische Flagge, dort das Flugzeug. Ellsworth lebte.

„Holt die Flagge raus, schnell“ rief er vom Flügel, und lächelte.

Schicksal

Mit Morsecodes verständigten sich Ellsworths Crew mit Amundsen und seinen Männern. Es war dann der 26. Mai 1925, als das Schicksal beinahe hart zuschlug.

Ellsworth ging mit seinen Männern Dietrichsen und Orndahl langsam über das Eis, auf dem Weg zu N25. Plötzlich hörte Ellsworth einen Schrei und blickte sich um. Dietrichsen war weg. Er war in das Eis eingebrochen, und Ellsworth wusste, dass der Rucksack des Mannes, knapp 80 Pfund schwer, ihn trotz der Skier an seinen Füßen nach unten ziehen würde. Dann hörte er ein weiteres Krachen, sein Herz gefror, denn auch Orndahl krachte schreiend durch das Eis. Ellsworth sprang zur Seite, ein Geistesblitz, und schon verschwand das Eis, wo er eben noch stand.

Hart atmend blickte er wieder zu der Stelle, an der Dietrichsen verschwunden war. Er zog seinen Ski vom Fuß und reichte ihn Dietrichsen, der sich nur mühsam über Wasser halten konnte, und der Mann hielt ihn panisch fest. Ellsworth zog und er schaffte es mit den größten Anstrengungen seines Lebens, Dietrichsen fast an Land zu ziehen. Dabei hörte er panische Schreie von Orndahl.

„Ich bin weg! Ich bin weg!“

Als er glaubte, das Dietrichsen gerettet war, blicke Ellsworth zu Orndahl. Der Kopf des Mannes ging unter. Er würde ertrinken.

Nun lief er schnell zu ihm, gleichwohl vorsichtig, weil er dem Eis nicht trauen konnte. Er sah den Mann kaum mehr. Oh Gott, dachte Ellsworth, aber dann sah er den Gurt. Den verdammten Gurt des Rucksacks, Er griff danach und zog daran. Aber es war so schwer, so schwer…doch dann kam eine weitere Hand dazu. Dietrichsen. Gemeinsam zogen sie den anderen Mann an die Oberfläche.

Unermüdlich

Amundsens Laune verfinsterte sich, als er hörte, dass N24 aufgegeben werden musste. Der Motor war zu angeschlagen. Alle Männer müssten N25 nutzen, um zurück zu kehren – ohne den Nordpol zu erreichen. Aber von dem Ort, an dem sich die Dornier befand, war ein Start unmöglich.

„Was tun wir, Roald“? fragte Ellsworth und blickte den norwegischen Entdecker an. Amundsen wirkte alt, viel älter als die 52 Jahre, die er an diesem Tag zählte. Der Mann blickte in die Ferne.

„Wir kehren um,“ sagte Roald und die Worte klangen schwer und ungewohnt aus dem Mund eines Mannes, für den es scheinbar immer nur ein Vorwärts und nie ein Zurück gab. „Wir bauen eine Rampe.“

Mit Behelfswerkzeugen bauten alle Männer eine Rampe in das Eis und zogen dir Dornier nach oben. Dann zogen sie das Flugzeug mühsam auf die Oberfläche der Eisscholle. Es war nun eine Rettungsmission, keine Erkundungsmission mehr. Das bedeutete: Treibstoff von N24 in N25 umfüllen und alles zurücklassen, was nicht mehr benötigt wurde.

Denn N25 müsste mit dem zusätzlichen Treibstoff und den drei Männern von N24 abheben – der Start würde sehr schwierig werden. Nun müssten die Männer dazu übergehen, in das Eis eine Landebahn zu kratzen – erneut harte, mühsame Arbeit, die auch mit Rückschlägen verbunden war. Und die Zeit lief ab: Das Eis begann, über das Triebwerk zu kriechen, in die Maschine, sie einzufrieren und mit ihnen die Männer, für die keine Hilfe kommen würde. Amundsen wusste, dass es nichts anderes zu tun gab, als den Schnee zur Seite zu schaufeln.

Er rechnete aus, dass die Männer eine mehr als 1.500 Fuß lange und 40 Fuß breite Spur anlegen mussten. Nun galt es: Schaufeln oder sterben. Später behaupteten Amundsen und seine Männer, dass sie in rund zwei Wochen fast 600 Tonnen Eis und Schnee entfernt hätten, um eine Startbahn zu bauen.

Endlich

Am 15. Juni 1925 sollte der große Startversuch gegen 21.30 Uhr abends beginnen. Die sechs Männer hatten die gesamte Fracht bis auf einige wenige Notwendigkeiten entladen, um nicht wieder auf das Eis zurückgedrängt zu werden, und natürlich auch die zusätzlichen Treibstofffässer.

Alle hielten den Atem an, als sich die Maschine in die Luft erhob. Überall um sie herum war das Kratzen des Eises zu hören, das unter dem Gewicht der Maschine ächzte, und der Motor der N25 dröhnte laut. Amundsen sah aus dem Fenster, er warf einen letzten, traurigen Blick auf N24, und damit auch auf die Hoffnungen, den geographischen Nordpol zu erreichen.

Würde die Landebahn halten? Die N25 dröhnte, das Eis konnte jederzeit brechen, und Amundsen verkrampfte sich, doch dann…

Die Maschine erhob sich in die Luft. Der Rückflug war schwierig. Nebel und schlechtes Wetter, immer weniger Treibstoff und an Bord die wachsende Angst, dass der Motor der Maschine bald nachlassen und die Menschen an Bord sterben würde. Doch kurz, bevor der gesamte Treibstoff verbraucht war, lichtete sich der Nebel. Und der Blick der Männer fiel auf Spitzbergen. Sie waren gerettet.

Umberto Nobile

Erst 1926, und auf weitaus weniger spektakuläre Weise, sollte Amundsen den geographischen Nordpol erreichen. Der Italiener Umberto Nobile suchte Amundsen auf und bot ihm an, auf einem von ihm entworfenen Luftschiff den Nordpol zu erreichen. Amundsen, inzwischen 53 Jahre alt und durchaus auch niedergeschlagen von den Fehlschlägen der letzten Jahre, stimmte zu, um das letzte große Ziel seines Lebens zu erreichen. Am 11. Mai 1926 startete das Luftschiff mit Amundsen und Ellsworth an Bord – und natürlich Umberto Nobile.

Das Erreichen des Nordpols im Jahr 1926

„Herr Amundsen,“ sagte Umberto Nobile, nachdem er es erneut geprüft hatte. „Wir sind da. Wir sind am geographischen Nordpol. Herzlichen Glückwunsch, mein Freund.“

Amundsen blickte aus dem Fenster des Luftschiffs auf das endlose Weiß, dass sich unter ihm zeigte. Obwohl es ein Moment der Freude sein sollte, ein Moment des Triumphes, fühlte sich sein Herz so schwer an. Hatte er den Nordpol wirklich erreicht? Oder nur das Schiff? War es Nobile gewesen, über den die Menschen reden würden? Wäre er nur eine Randnotiz?

Und doch: Das da unten ist der Nordpol. Er hatte auch ihn erreicht. Vor 14 Jahren war er am Südpol gewesen, als erster Mensch. Nun war er am Nordpol.

Er hatte alles geschafft.

Am 12. Mai 1926 erreichte das Schiff den Nordpol. Es gab später Diskussionen, ob das Flugschiff und die Menschen darauf tatsächlich die ersten am Nordpol gewesen waren. Denn drei Tage zuvor hatte angeblich Richard R. Byrd in einem Flugschiff den Nordpol erreicht, aber seine Berechnungen wurden zu Recht angezweifelt. Wenn also die Norge tatsächlich als erste am Nordpol war, dann wären Roald Amundsen und sein treuer Begleiter Oscar Wisting die ersten Männer gewesen, die beide Pole erreicht hatten.

Der Tod von Roald Amundsen

Nobile und Amundsen gingen nicht als Freunde auseinander. Beide nahmen für sich in Anspruch, die Norge-Expedition geleitet zu haben und damit die wahren Entdecker des Nordpols gewesen zu sein. Nobile war deutlich jünger als Amundsen und so wollte er mit seinem Luftschiff Italia weitere Gebiete erkunden. Doch im Mai 1928 stürzte die Italia nördlich von Spitzbergen ab.

Amundsen schloss sich der Rettungsmission an. Warum, das lässt sich im Nachhinein nicht voll aufklären. Weil er sich Nobile verbunden fühlte? Weil er eine weitere große Heldentat begehen wollte? Wir wissen es nicht. Was wir wissen, ist, dass er an Bord eines französischen Prototyps des Wasserflugzeugs Latham 47 ging, um in der Gegend von Nordaustlandet, einer Insel im Archipel von Svalbard, nach Nobile zu suchen.

Von dieser Reise kehrte Amundsen nie zurück. Sein Flugzeug muss abgestürzt sein. Obwohl Teile des Flugzeugs später gefunden worden sind, konnte Amundsens Leiche nie entdeckt werden. So starb der wohl größte Polarentdecker wohl im Juni 1928 im ewigen Eis. An einem Ort, zu dem es ihn immer zog.

Nobile und sieben Begleiter wurden Wochen später gerettet, aber acht seiner Besatzung gingen verloren.

Roald Amundsen ist zweifelsohne einer der größten Helden unserer Polargeschichte. Wenn Sie während Ihrer Expeditionskreuzfahrt auf seinen Spuren wandeln möchten, dann sprechen Sie uns gerne an – wir von Eisexpeditionen.de sind gerne für Sie da.Ihr Team von Eisexpeditionen, Ihr Spezialist, wenn es um Expeditionskreuzfahrten geht!