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Roald Amundsen – Sein Leben: Teil 4: Triumph und Tragik am Südpol (Amundsen vs. Scott Part 2)

Amundsen gegen Scott, das Rennen um den Südpol – eine Abenteuergeschichte, die auch heute noch Menschen fasziniert. In Teil 3 unserer Blogreihe zum Leben von Roald Amundsen haben wir uns der Zeit nach der Durchquerung der Nordwestpassage durch Amundsen gewidmet und unseren Blick auf die Zeit bis zum Erreichen der Küsten der Antarktis gerichtet. Insbesondere haben wir erklärt, wie es zu dem Wettrennen zwischen Amundsen und dem Briten Robert Scott kam. Im 4. Teil berichten wir über das spannende Rennen auf dem 7. Kontinent und wer schlussendlich als Erster den Südpol erreichte.

Das Rennen seines Lebens

„Weiter, weiter,“ ruft er, und die Hunde laufen wieder schneller, konzentriert, drahtig, mit jedem Schritt ihrer Pfoten wirken sie sicherer auf dem Untergrund. Er blickt sich um, und da ist er, der Schlitten mit den anderen Männern, und auch sie treiben ihre Tiere voran.

Jede Minute zählt, denkt Roald Amundsen an diesem Tag (Ende Dezember 1911), jeder Tag, jeder Moment, denn noch ist da der Brite, noch ist Robert Scott auch unterwegs, mit diesen verdammten Motorschlitten. Er könnte schneller sein, weiter, aber…die Hunde sind schnell. Die Route ist gut. An manchen Tagen, so denkt Amundsen, während er die Weite der Antarktis bestaunt, an manchen dieser kalten Tage fühlt es sich an, als würden sie über das Eis fliegen. Sicher, das ist auch gefährlich, hätte doch fast die letzte große Spalte, die sie erst im letzten Moment sahen, das Leben von ihm und einem seiner Begleiter gekostet. Und doch gab es danach keinen Grund zur Rast, auch wenn die Männer sich das gewünscht hatten, das wusste Amundsen, er hatte es an ihren Augen ablesen können. Nein, nun gilt es, mutig zu sein, schnell zu sein, bei aller Sorgfalt keine Gemütlichkeit einkehren zu lassen. Denn dies, so glaubt er in der Tiefe seiner Seele, dies ist das Rennen seines Lebens, das Rennen Norwegens gegen das mächtige britische Empire, im Antlitz der großen, kalten Landschaft der Antarktis. Die Hunde laufen, die Männer rufen, und Amundsen ist hier, nahe dem südlichsten Punkt der Welt, umringt von der kühlen Schönheit der polaren Welt, in seinem Element, er tut das, wofür er geboren wurde.

Eine kurze Zusammenfassung unseres dritten Blogbeitrags

Nach der erfolgreichen Durchquerung der Nordwestpassage im Jahr 1906 kehrte Amundsen als berühmter Entdecker, der nun öffentliche Förderung erfuhr, nach Norwegen zurück. Sein nächstes Ziel sollte die Erkundung und das Erreichen des geografischen Nordpols sein, und er richtete alle seine Planungen darauf aus. Unter anderem erhielt er von dem berühmten norwegischen Entdecker Nansen die Fram als Expeditionsschiff für seine Planungen. Allerdings gab es dann Berichte, die sich später als falsch erweisen sollten, dass unter anderem Amundsens früherer Kamerad Cook den geografischen Nordpol erreicht hatte. Amundsen plante daher um – nun wollte er den geographischen Südpol erreichen, teilte dies jedoch weder seinen Geldgebern noch seiner Crew mit.

Parallel zu Amundsen bereitete der britische Offizier und Entdecker Robert Falcon Scott das Erreichen des geographischen Südpols vor, in enger Konkurrenz zum Briten Shackleton. Beide Männer verfolgten unterschiedliche Wege der Planung. Während Scott auf die Kraft und die finanzielle Unterstützung der britischen Navy und der Krone setzte, ging Amundsen akribisch vor, plante jedes Ausrüstungsstück für den Einsatz in der Antarktis sowie die Ladung der Fram genau, wählte seine Besatzung sorgfältig aus und setzte vor allem auf Schlittenhunde als entscheidendes Werkzeug einer erfolgreichen Expedition. Mit einer kleinen Crew und Abwehr der Interessen Dritter hatte Amundsen zudem einen entscheidenden Vorteil: Seine ganze Expedition war auf seine Ziele ausgerichtet, während Scott, wie wir im weiteren Verlauf des Beitrags noch sehen sollen, auf die Interessen Dritter erhebliche Rücksicht nehmen musste.

Scott stach am 1. Juni 1910 von London aus in See im Glauben, die einzige Expedition zu leiten, die den Südpol erreichen wollte. Amundsen verließ mit seiner ahnungslosen Crew am 3. Juni 1910 Oslo, nimmt noch Schlittenhunde auf und erreichte im September 1910 das spanische Madeira. Erst hier informierte er seine Crew von seinem tollkühnen Plan, alle Männer wollten ihm freiwillig folgen, obwohl sie um die Gefahren der Unternehmung wussten. Scott informierte er von seinem Plan per Telegramm mit den Worten „Erlaube Sie zu informieren Fram unterwegs nach Antarktis – Amundsen“. Das Rennen zum Südpol hatte offiziell begonnen.

Tagtraum

Es ist ein Tagtraum, aber er lässt sich für einen Moment gerne in ihn fallen. Hier steht er, in London, im Hauptquartier der britischen Royal Navy, umringt von Männern, die Schlachten geschlagen hatten im Namen Ihrer Majestät, hochrangige Offiziere, Helden der britischen Marinegeschichte. Jetzt aber sehen Sie auf ihn, und er spürt sie förmlich, einen Moment der Geschichte, so, als würde sie auf ihn herabsehen, genau hier, und auf seine Worte warten. Scott strafft sich, spürt die kühle Wärme der britischen Sonne an diesem Frühlingsmorgen, die durch das Fenster scheint, und nickt den Männern zu, bevor er die Worte spricht, an die sich die Menschen für immer erinnern sollten, mit ruhiger und fester Stimme. „Ich schwöre den Südpol zu erreichen und dem britischen Empire die Ehre dieser Leistung zu sichern.“

Die Männer nicken ihm zu, einer beginnt zu applaudieren, und die anderen stimmen ein. Scott erwidert das Nicken, kein Lächeln huscht über sein Gesicht, denn das würde sich für einen britischen Offizier nicht rühmen in einer solchen Situation. Aber nun liegen die Hoffnungen der Krone auf ihm, und er würde diese Hoffnungen erfüllen, koste es, was es wolle.

Koste es, was es wolle…denkt er, und nun kehrt er zurück aus dem Frühjahr 1910 in den kalten Januar 1912. London liegt fern. Konfrontiert wird er mit der Realität, süß und doch gleichzeitig bitter, denn jetzt, Anfang Januar 1912, ist Scott weit entfernt von London, im tiefsten Herzen der Antarktis, mehr als 800 britische Meilen bereits von seinem Schiff entfernt. Die vier Männer, die bei ihm waren, blicken müde zu Boden oder schlafen bereits, während Scott über seine Lampe gebeugt sein Tagebuch öffnet und – wie es sich für einen Forscher, der er im Herzen ist, gebührt – wie immer einen Eintrag vornimmt: „Ein weiterer harter Schliff am Nachmittag und fünf Meilen dazu“, schreibt er. „Unsere Chance ist immer noch gut, aber es ist eine schrecklich anstrengende Zeit“.“

Er blickt zu den anderen Männern und beobachtet sie stumm. Sie sind selbst Briten, und keiner von ihnen würde ihm die Gefolgschaft verweigern, es sei denn, der Tod würde sie ereilen. Aber sie sind nur noch rund 80 Meilen, so schätzt er, vom Ziel entfernt, und wenn sie in dem Tempo vorankämen, dann hätten sie es in zwei, spätestens drei Wochen erreicht und würden den Triumph kosten. Aber seine Gedanken verdunkeln sich auch kurz, als er an den Norweger denkt. Wo stecken Amundsen und seine Leute? Doch das Grübeln darüber hilft nichts, und so beendet Scott den Eintrag in sein Tagebuch, bevor er sich in einen kurzen, unruhigen Schlaf flüchtet.

Scott erreicht die Antarktis und beginnt mit den Vorbereitungen

Am 4. Januar 1911 erreichte das Expeditionsschiff Terra Nova unter dem Kommando von Robert Scott Ross Island in der Antarktis. Scott versuchte zunächst mehrere verschiedene Landeplätze, bevor er für die Überwinterung ein Kap wählte, das er aus früheren Expeditionstagen gut kannte, etwa 24km nördlich von einer Basis, die er 1902 bei einer Expedition gewählt hatte (der Name des Kaps lautete „Skuary“). Scott taufte den Ort Cape Evans nach seinem Stellvertreter und sah hierin eine Möglichkeit, dass die Terra Nova im antarktischen Sommer von hier aus jederzeit wieder aufbrechen und auch dorthin zurückkehren konnte. Wichtig zu verstehen ist hierbei, dass ein großer Teil seiner Crew hier bereits ihr vermeintliches Endziel erreicht hatte. Denn nicht die gesamte Crew war darauf ausgerichtet, Scotts Plan zur Erreichung des Südpols zu unterstützen, im Gegenteil: Die Landegruppe, die aus 34 Mann bestand, war im Wesentlichen mit wissenschaftlichen Arbeiten beauftragt, insbesondere dem Sammeln von Tier- und Gesteinsproben. Nur vier weitere Männer sollten es sein, die mit Scott in den tiefen Süden aufbrechen sollten. Scotts mittelbare Leistungen für die Wissenschaft waren und sind von großem Wert – das wird bei der Erzählung über das Rennen häufig übersehen.

Hier am Cape Evans ließ Scott die Vorräte an Land bringen – insbesondere auch die Ponys, von denen er sich für seine anstehende Expedition viel versprach, und sie enttäuschten ihn zunächst nicht, da sie die Vorräte mit großer Kraft an Land zogen und die Männer bei der Errichtung eines Camps tatkräftig unterstützen. Scott nahm an, mit der Auswahl der Tiere die richtige Wahl getroffen zu haben.

Nach der Landung verbrachte Scott (wie auch parallel Amundsen) zunächst seine Zeit damit, Vorräte für die Expedition nach Süden anzulegen sowie ein Camp.

Amundsens Expedition startete mit klaren Vorteilen

Scott hatte die britische Navy und Krone hinter sich – ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Aber Amundsen war dagegen konzentrierter. Seine Crew war der Wissenschaft nicht verpflichtet, ihm ging es nur darum, als Erster den Südpol zu erreichen. Wenig charmant, und doch in seiner Art wie immer direkt und klar, würde er später schreiben, „Die Wissenschaft würde sich um sich selbst kümmern müssen.“ Auch das ist ein Grund, warum Amundsens Expedition mit Vorteilen starte.

Aber Amundsen wählte sein Lager auch besser als Scott. Die norwegische Expedition kam im Januar 1911 weiter entlang des Ross-Schelfeises in der Bucht der Wale an, etwa 640 km (400 Meilen) vom britischen Lager entfernt. Hier zeigte sich Amundsens Tollkühnheit, in dem er das Camp der kleinen Gruppe direkt auf dem Eis errichtete – so entstand „Framheim“. Das war gefährlich, denn das Eis war unberechenbar – sicherlich ein Umstand, der dazu führte, dass Scott auf eine solche Idee nie gekommen wäre. Für Amundsen war es jedoch ein entscheidender Vorteil, denn er war damit schon einen deutlichen Schritt näher am Südpol als Scott. Wie die Briten verbrachten Amundsen und seine Männer die ersten Monate der Expedition damit, umfangreiche Vorbereitungen zu treffen und Versorgungsdepots in Richtung Süden anzulegen. Aber jetzt kam ein weiterer Vorteil von Amundsens Planung zum tragen: Er setzte auf die Schlittenhunde, hatte seine Männer hervorragend in der Nutzung der Schlitten und der Führung der Tiere trainiert, und so konnten sie schon mit den Schlitten viel weiter südlich reisen als Scott, um Vorräte zu sammeln und das Terrain zu erkunden. Das war entscheidend: Denn Amundsen wollte über alternative Routen das Polare Plateau und den Südpol erreichen, und nun konnten seine Männer sich bereits davon überzeugen, dass Amundsens Überzeugung wohl korrekt war.

Es begann eine Zeit des Ausharrens, die an Amundsens Nerven nagte. Er vermutete, dass Scott nicht weit entfernt sich in der gleichen Situation befinden würde, konnte aber insbesondere nicht abschätzen, wie gut der Brite sich tatsächlich vorbereitet hatte. Während er Vorräte sammelte und eigentlich damit beschäftigt war, den dunklen und harten antarktischen Winter zu überstehen, wuchs in ihm die Überzeugung, dass es an der Zeit war, los zu ziehen, um das Rennen zum Südpol nicht zu verlieren. So eröffnete er seinen Männern im September 1911, dass er aufbrechen wolle, zu einer Zeit, in der es noch bitterkalt und dunkel war. Zwar folgten ihm seine Männer, aber der frühe Aufbruch fand schließlich ein jähes Ende, als die Temperaturen bis auf 68 Grad Celsius unter Null (!) sanken. Ein Fortkommen war unmöglich, und Amundsen musste mit seinen Männern umkehren und weiter ausharren, bis sich die Bedingungen verbesserten.

„Wie sieht es aus?“ fragte sein Kamerad, als Amundsen in die Ferne blickte. Es war besser geworden. Nicht mehr so kalt. Keine bitteren Stürme. Ruhe war eingekehrt. Was wird der Brite wohl machen? Ist Scott schon unterwegs? Vielleicht seit Wochen?

„Gut, sehr gut,“ sagte Roald Amundsen, den Blick nicht vom Horizont nehmend. „Informiere die anderen Männer. Wir brechen morgen um 6 Uhr auf.“

„Und dieses Mal ohne Umkehr?“

Amundsen blickte sich zu dem Mann um und lächelte sanft. „Eine Umkehr wird es dieses Mal nicht geben. Wir kommen hierher zurück, nachdem wir den Südpol erreicht haben. Oder wir werden nie mehr zurückkehren, mein Freund.“

Am 20. Oktober 1911 schließlich brachen Amundsen und seine vier Begleiter auf, um den Südpol zu erreichen. Amundsen fragte sich, wie weit Scott schon gekommen war, doch tatsächlich sollte sich der Brite sogar ein wenig später auf den Weg zum Südpol machen, nämlich am 1. November 1911. Das Rennen trat nun in seine „heiße“ Phase an dem kältesten Ort der Welt.

Scotts Fehlentscheidungen

Amundsen war tatsächlich in großer Sorge. Bekannt war, dass Scott scheinbar besser und umfangreicher, vor allem aber vermeintlich moderner ausgerüstet war. Denn der Brite verließ sein Lager mit Unterstützungsgruppen, Hunden und Ponys – aber vor allem auch mit Motorschlitten, von denen er sich den entscheidenden Vorteil erhoffte. Amundsen dagegen hatte nicht auf Technik gesetzt, sondern auf das, was er in seinem Leben gelernt hatte über die polaren Welten, nicht zuletzt von den Inuit auf seiner Reise durch die Nordwestpassage, und setzte damit vor allem auf die Hundeschlitten. Doch was würden die Motorschlitten leisten? Würde er, Amundsen, noch mit „alten“ Werkzeugen Hunderte von Kilometer vom Südpol entfernt sein, wenn Scott ihn auf vermeintlich gemütliche Weise erreicht hatte?

Doch Amundsens Sorgen waren unbegründet, und die von Scott sollten erheblich wachsen. Denn in der bitten Kälte der Antarktis, in den rauen Bedingungen des tiefen Inneren dieses Kontinents, versagten die Motorschlitten bald und mussten zurückgelassen werden. Das führte für bei Scott leider dazu, dass auch einige seiner Männer umkehren mussten – ein bitterer Umstand.

„Sie werden es nicht schaffen, Sir.“

Scott blickte auf die Ponys. Die Tiere waren nicht nur erschöpft. Jeder konnte ihnen ansehen, dass sie froren, nahezu panisch waren, hier am Ende der Welt, in einer Region, in die sie nicht gehören.

„Es war ein Fehler,“ sagte Scott. „Wir haben uns geirrt. Ich habe mich geirrt.“

Der Mann an seiner Seite erwiderte nichts, denn es gab nichts zu sagen. Es war eindeutig, dass die armen Tiere hier draußen sterben würden. Sie waren zu schwach, um weiter mit den Männern zu gehen. Sie waren aber auch zu entkräftet, um wieder zurück zu kehren.

„Was tun wir, Sir?“

Für einen Moment schwieg Scott. Dann blickte er sein Crewmitglied an. „Geben Sie mir Ihr Gewehr.“

Es erwies sich tatsächlich auch als Fehler, auf die Ponys zu setzen. Sie waren in der Antarktis hoffnungslos verloren, und Scott entschloss sich daher, ihrem Leiden ein Ende zu setzen und ließ die armen Tiere erschießen. Das Pferdefleisch sollte er als Nahrung für seine Männer und sich teilweise mitnehmen, teilweise als Proviant zurücklassen.

Nun ging es mühsam zu Fuß weiter. Scott hatte zwar auch Hunde dabei, aber viel zu wenige, um das schwere Gerät lange zu ziehen – genau dafür hatte er ursprünglich vor allem auf die Ponys gesetzt. Zudem waren nicht alle seine Begleiter im Führen von Hundeschlitten ausgebildet – ein Umstand, der die Expedition ebenfalls unterschied von Amundsens Team.

Nun geschah etwas, das manchen von uns heute Rätsel aufgeben mag. Obwohl Scott gewusst haben musste, dass die Hunde gleichsam wichtig werden könnten, da sie für die polaren Bedingungen viel besser geeignet waren als die Ponys und obgleich ihre Zahl klein war, hätte er sie durchaus noch weiter mitnehmen können, um sein Ziel zu erreichen. Nun zeigte sich jedoch in ihm das Herz, aber auch der Stolz eines britischen Navy Offiziers. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, dass am Ende die Tiere und nicht der Mensch den Südpol erreicht haben. Daher entschloss er sich, auch das letzte Hundeteam zurück in das Basislager zu senden. Edel. Und später vielleicht tödlich.

Aber Scotts Männer waren Briten, gut gelaunt, kräftig, auch wenn sie nur langsam vorankamen, Meile für Meile, wie Scott immer wieder in seinem Tagebuch festhalten sollte.

Amundsens Planungen – und seine Härte – machen ihn zum Gewinner

Amundsens Planungen – und seine Härte – machen ihn zum Gewinner

Wie bereits in unserem dritten Blogbeitrag vorgestellt, hatte Amundsen seine Südpol-Expedition akribisch geplant und sich nur auf Werkzeuge verlassen, die nach seinen Erfahrungen für die polaren Regionen bestens geeignet waren: Schlitten mit Schlittenhunden sowie perfekt vorbereitete Skier. Anders als Scott war Amundsen nicht von der edlen – und vielleicht auch übermütigen? – Haltung eines britischen Offiziers geprägt. Er wollte den ersten Platz am Südpol. Und dafür setzte er voll auf die Hunde. Zu Recht: Denn mit den bestens ausgewählten Hunden, der gut trainierten Mannschaft und den hervorragend von Amundsen ausgearbeiteten Skiern kam die norwegische Gruppe rasch voran. Sie wählte den Weg über den Weg über den neu entdeckten Axel-Heiberg-Gletscher und über das Polare Plateau – auch das war trotz allem eine mühsame Reise, und so manche Gletscherspalte bot erhebliche Gefahren für Amundsen und seine Männer, die trotz der Hunde mit den harten Bedingungen kämpften. Fünf Männer am Ende der Welt, für die niemand kommen würde, um sie zu retten, die ihr Ziel erreichen und in die Zivilisation zurückkehren wollten oder hier in der bitteren Kälte sterben würden.

Er beugte sich über das namenlose Tier und streichelte sanft sein Ohr. Der Hund blickte zu ihm hoch, müde und erschöpft, und er bildete sich ein, Kummer in den Augen des Tieres zu sehen, das er von dem Rest der Gruppe isoliert hatte.

„Ruhig,“ sagte Roald Amundsen. „Ruhig. Du hast uns sehr geholfen, mein Freund. Mehr getan, als ich je von Dir hätte verlangen können. Nun ist es an der Zeit, Dich auszuruhen. Und uns einen letzten Dienst zu erweisen.“

Amundsen hob sein Gewehr.

Es gehört auch zu der Person Roald Amundsen, dass er seine Ziele mit großer Härte verfolgte – oder, wie andere, die ihm wohlgesonnen sind, beschreiben würden, mit kühler Entschlossenheit. Daher ging er auch einen logischen Schritt, der den Hundefreunden unter uns grausam erscheinen muss, und doch rational überlegt war. Er erschoss die schwächeren Hunde, die die Reise zurück nicht schaffen und zu einer Belastung wurden, und nahm deren Fleisch als Nahrung für sein Team und die anderen Hunde. Später sollte Amundsen dafür heftig kritisiert werden, insbesondere in England. Es war aber durchaus auch eine logische Entscheidung. Jeder Leser mag sich dazu sein eigenes Urteil bilden.

So legten Amundsen und seine Männer hunderte von Kilometer über Gletscher und Eis nach Süden zurück, mit großer Willensstärke und starken Hunden. Sie kamen ihrem Ziel auf diese Weise rasch näher.

„Hier?“ fragte einer der Männer. Alle blickten Roald entspannt an, als er auf seinen Kompass blickte.

„Hier,“ nickte der Anführer. Er blickte noch einen Moment auf den Kompass, dann hob er seine Augen und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. „Holt die Fahne.“

Die Männer waren erschöpft und die Knochen schmerzten. Aber nichts zählte mehr als dieser Moment, in dem sie von einem der Schlitten die Fahne holten und Roald Amundsen aushändigten. Sie hielten gebannt den Atem an.

Roald Amundsen, norwegischer Entdecker, steckte die Fahne beherzt in den Boden der Antarktis. „Im Namen der norwegischen Krone. Wir haben den Südpol erreicht.“

Es war der 15. Dezember 1911, gegen 15 Uhr, als die Gruppe um Amundsen anhielt und sich orientierte. Dann informierte Amundsen seine Männer, dass sie heute nicht weiter nach Süden reisen würden – denn sie hatten den südlichsten Punkt der Welt erreicht, den geographischen Südpol. Ein großer Moment für die Menschheit, vielleicht der größte Moment in Amundsens Leben, und doch sollte der Norweger in der ihn typischen Art in seinem Tagebuch nach Aufstellen der norwegischen Flagge nur vermerken: „So kamen wir an und konnten unsere Fahne am geographischen Südpol aufstellen. Gott sei gedankt!“

Amundsens Begleiter Olav Bjaaland machte mit seiner persönlichen Kamera Schnappschüsse des historischen Moments, als Amundsens Expeditionskamera nicht funktionierte. Amundsen hatte das Rennen zum Südpol gewonnen – aber es würde nur dann eine Heldengeschichte werden, wenn er auch zurückkehren würde.

Das Ende von Scott

Er hatte sie schon von weitem erblickt, und sein Herz hatte für einen Moment ausgesetzt. Und doch hatte er Schritt um Schritt nach vorne gesetzt, unbeirrt und mutig, denn er war ein Mann der britischen Krone, des großem Empire, und würde auch diesen Moment mit allem Edelmut begegnen, der von einem Briten zu erwarten war.

Nun standen er und seine Männer um die Fahne herum, keiner von ihnen sagte etwas. Hier stand sie, die norwegische Schwarzmarkierungsflagge, und wirkte wie ein Symbol seines Scheiterns.

Amundsen hatte es vor ihm geschafft.

Doch Scott wäre nicht Scott gewesen, würde er sich nicht straffen und seine Männer anblicken. „Männer,“ sagte er, „es mag sein, dass die Norweger vor uns hier waren. Aber wir haben es auch geschafft, zu Fuß, im Namen ihrer Majestät. Tragt dies mit großem Stolz in eurem Herzen.“

Keiner sagte etwas, und so trat Scott zum Zelt herüber, das Amundsen hier zurückgelassen hatte. Der verdammte Norweger, dachte Scott, hatte sogar eine Nachricht hinterlassen.

Auch Scott erreichte den Südpol nach einem harten Fußmarsch, bei dem die Männer die Schlitten mühsam zogen. Es war der 17. Januar 1912, 33 Tage nachdem Amundsen den Südpol erreicht hatte. Sie wurden bitter enttäuscht bei dem Anblick der norwegischen Schwarzmarkierungsflagge sowie einem Zelt, in dem Amundsen überschüssige Ausrüstung zurückgelassen hatte sowie eine Nachricht an den norwegischen König, falls er auf der Rückreise den Tod finden sollte.

Voller Enttäuschung schrieb Scott an diesem Abend in sein Tagebuch: „Die POLE. Ja, aber unter ganz anderen Umständen als den erwarteten. Großer Gott! Dies ist ein schrecklicher Ort und schrecklich genug für uns, dass wir uns ohne die Belohnung der Priorität dorthin bemüht haben.“

Aber es war nicht nur die Enttäuschung, die nun Scott und seinen Männern zusetzte. Es war nun schon Mitte Januar, und es war bitter kalt geworden – 8 Grad kälter bereits als zu der Zeit, als die Norweger hier waren. Die Rückreise, so ahnte Scott, würde nun mit der Enttäuschung im Herzen und der bitten Kälte für die entkräfteten Männer, die weiter den gesamten Marsch zurück zu Fuß bewältigen sollten, bitter werden. Und das geschah auch so: Am 17. Februar starb mit Petty Officer Evans der erste Mann, der hinter die Gruppe zurückfiel. Die anderen Männer litten nun an bitter Kälte und Entkräftung, die Glieder erfroren. Besonders hart traf sie der Tod von Captain Oates, der an seinem 32. Geburtstag, dem 17. März 1912, das Zelt der Männer mit den Worten verließ, er brauche etwas Zeit. Er wusste, dass er sterben würde, und wollte den anderen Briten den Anblick ersparen, und starb so in der bitten Kälte der Antarktis allein. „Die Tat eines britischen Gentlemans“, würde Scott in sein Tagebuch notieren.

Aber er und seine drei verbliebenden Kameraden fanden ebenfalls den Tod. Einige Tage später schrieb Scott, der mit seinen Männern in einem Schneesturm gefangen war, 11 Meilen nur entfernt von einem Depot mit Proviant, in sein Tagebuch: „Wir werden es bis zum Ende durchhalten, aber wir werden natürlich schwächer, und das Ende kann nicht mehr weit sein. Es scheint schade zu sein, aber ich glaube nicht, dass ich mehr schreiben kann – R. Scott.“

Es waren seine letzten Zeilen. Die drei Männer sollten in dem Zelt erfrieren.

Amundsen kehrt zurück

Auf dem Rückweg kamen Amundsen und seine Männer dagegen gut voran, ließen jedoch eines ihrer Proviantdepots aus, was Amundsen, der selten Fehler zugab, mit schlechtem Wetter begründete. Tatsächlich hatte er jedoch mit seinen Männern kurzzeitig die Orientierung verloren. Mit Glück fanden sie dann ein anderes Depot, das sie zurückgelassen hatten, dass ihnen nicht nur Proviant gab, sondern auch die Orientierung zurück. Nun schlugen sie den gleichen Weg ein, den sie zuvor auf dem Weg zum Südpol genommen hatten. Die Rückreise war wiederum beschwerlich, denn die Männer mussten sich mit den Hunden auf dem unwegsamen Gelände wieder neu orientieren. Gleichsam ging es ihnen viel besser als Scott, da die Wetterbedingungen hier noch auf ihrer Seite waren. Mit elf überlebenden Hunden erreichte Amundsen mit seinen Männern schließlich am 26. Januar 1912 Franheim. Zur Verdeutlichung: Während Amundsens Gruppe im Schnitt 36 Kilometer am Tag zurücklegte und insgesamt auf der Expedition 3000 Kilometer geschafft hatte, musste Scott an manchen Tagen sich nur mit wenigen Kilometern an Landgewinn begnügen – gerade hierin zeigt sich, warum seine Expedition so bitterlich scheiterte.

Amundsen war es wichtig, schnell aufzubrechen – die Fram, die er vor seinen Aufbruch auf weitere Erkundungen gesandt hatte, lag vor Anker, und schon am 30. Januar 1912 brach Amundsen mit seinen Männern, den überlebenden Hunden und der verbleibenden Ausrüstung auf. Zu diesem Zeitpunkt glaubte er, dass es auch wichtig war, als erster in die Zivilisation zurück zu kehren, denn noch bestand die Sorge, dass Scott zwar nach ihm den Südpol, aber vor ihm die Zivilisation erreichen und so seinen Erfolg streitig machen würde. Dass Scott zu dieser Zeit bereits auf dem Weg in den Tod war, konnte Amundsen nicht ahnen. Am 9. Februar 1912 verließ die Fram die Polarregion, und am 7. März kam sie in Hobart an. Von hier aus telegrafierte Amundsen an seinen Bruder Leon mit einem verschlüsselten Code folgende Worte: „Pol erreicht 14.–17. Dezember. Alle wohlauf“. Warum verschlüsselt? Weil Amundsen die Rechte der Berichterstattung exklusiv verkauft hatte, und nun verhindern wollte, dass alle Welt von seinem Erfolg erfuhr vor seinen Vertragspartnern – ist es nicht bemerkenswert, dass schon damals eine exklusive Berichterstattung eine solche Rolle spielte?

Amundsens Erfolg wurde weltweit gefeiert, und er erhielt persönliche Glückwunschtelegramme von US-Präsident Theodore Roosevelt und König George V. von England. Scott wurde ebenfalls für seine Leistungen anerkannt und posthum zum Ritter des Bath-Ordens ernannt.

Erinnern Sie sich noch, dass Amundsen alle im Unklaren über seine wahren Pläne gelassen hatte? Selbstverständlich gelang es ihm nun, durch seinen Erfolg die Gemüter zu beschwichtigen, wobei norwegische Politiker sich bemühten, eine Verstimmung Großbritanniens, einer Schutzmacht Norwegens, zu verhindern. Für eine Zeit lang konnte Amundsen den Ruhm genießen, doch am 11. Februar 1913 erreichte eine bittere Nachricht die Welt: Die Leiche von Scott wurde gefunden. Nun entbrannte insbesondere im Commonwealth heftige Kritik an Amundsen, da man glaubte, er habe mit seinem Sieg Scotts Willen gebrochen und seinen Tod beschert. Zudem führten insbesondere die Engländer an, dass Scott bei seiner Unternehmung edel gehandelt habe und mit Menschenkraft habe den Südpol erreichen wollen, während Amundsen nur dank der Hunde gewann – und diese „zum Dank“ auch noch erschoss uns aß. Die britische Kritik machte Amundsen in späteren Jahren schwer zu schaffen – darauf gehen wir in einem nächsten Blogbeitrag an. Denn noch ist die Geschichte dieses tollkühnen Polarforschers und außergewöhnlichen Manns nicht auserzählt – noch galt es, den geographischen Nordpol zu erreichen….

Das Vermächtnis

Auch in den Jahren nach Amundsens und Scotts legendärem Rennen wagten sich die Entdecker weiter in die Antarktis, aber erst 1956 stand wieder eine Expedition am Südpol. Seitdem ist der südlichste Punkt der Welt ununterbrochen bewohnt, und die beiden frühesten Pioniere werden nun im Namen ihrer ständigen Forschungseinrichtung geehrt: die Amundsen-Scott-Südpolstation.

Eine spannende Geschichte, nicht wahr? Neugierig wie es weitergeht? Dann freuen Sie sich auf den nöchsten Teil. Ihr Team von Eisexpeditionen, Ihr Spezialist, wenn es um Expeditionskreuzfahrten geht!