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Doch auch ohne die Belugas wäre dieser Ausflug beeindruckend. Nach dem tierischen Zwischenspiel setzen wir auf einer Landzunge über.
Schon an Bord der Ocean Albatros konnten wir wählen, ob wir an der kürzeren oder an der etwas längeren Wanderung teilnehmen möchten. Abhängig von Kondition, Lust und Tagesform trafen wir unsere Wahl. Die Longwalk-Gruppe macht sich etwas früher auf, damit genügend Zeit für die längere Strecke bleibt. Die anderen Gruppen folgen in ihrem eigenen Tempo.
So verteilt sich unsere Reisegruppe behutsam in dieser weiten Landschaft von aus Tundra, Strand und alten Spuren im arktischen Licht. Hinter uns sehen wir die Ocean Albatros, klein vor der Kulisse aus Bergen und Fjord. Bei der Trapperhütte Bamsebu begegnet uns dann erneut die besondere und nicht immer leichte Geschichte Spitzbergens. Die kleine Hütte steht einsam zwischen Küste und karger Vegetation und erinnert an die Zeit des Belugafangs. Noch heute liegen zahlreiche Knochen am Strand. Stille Zeugen eines Kapitels, das heute schwer vorstellbar ist.
Der Kontrast könnte kaum größer sein: Am Morgen freuen wir uns über lebende Belugas im Wasser, beobachten ihre hellen Körper in der Lagune und hoffen auf jede weitere Sichtung. Wenig später stehen wir an einem Ort, an dem die Knochen ihrer Artgenossen von einer ganz anderen Zeit erzählen.
Hütte, Knochen und alte Bootsreste stehen unter Denkmalschutz. Nichts darf verändert, verrückt oder mitgenommen werden. Wir bewegen uns entsprechend vorsichtig und respektvoll. Die Spuren sollen bleiben, wo sie sind, nicht als dekorative Kulisse, sondern als Mahnung und als Teil der Geschichte dieses Ortes.
Eine kleine Besonderheit entdecken wir erst auf den zweiten Blick: Unweit der Hütte liegt ein umgedrehtes Ruderboot, das den Namen „Kjeftausa“ trägt. Was zunächst wie ein vergessenes Boot wirkt, war tatsächlich ein cleverer Vorratsraum. Die Walfänger versahen es mit einem Torfwall und nutzten es, um Lebensmittel und Ausrüstung vor Wind und Wetter zu schützen
Gerade solche einfachen, aber einfallsreichen Lösungen machen deutlich, unter welchen Bedingungen die Menschen hier vor knapp 100 Jahren lebten und arbeiteten. Man nahm, was vorhanden war, nutzte es mehrfach und passte sich an.
Und dann zeigt sich schnell wieder das lebendige Spitzbergen. Ein Rentier zieht ruhig durch die Landschaft, scheinbar unbeeindruckt von unserer Anwesenheit. Am Ufer entdecken wir kleine Meeresbewohner, darunter Krabben, die zwischen Steinen und Tangresten zu finden sind. Auch die Pflanzenwelt begeistert uns erneut. Wer nur aus der Ferne auf die Tundra blickt, sieht zunächst kargen Boden. Doch wer sich bückt, entdeckt eine erstaunliche Vielfalt: winzige Blüten, Moose, Flechten und niedrige Pflanzenpolster, die dicht am Boden wachsen und so Wind, Kälte und kurzer Vegetationszeit trotzen.
Die arktische Pflanzenwelt wirkt zart, ist aber alles andere als schwach. Sie nutzt jeden Sonnenstrahl und jede windgeschützte Mulde. Zwischen Steinen und alten menschlichen Spuren entsteht ein kleines Mosaik aus Farben mit dominierendem Gelb und Violett.
Mats lenkt unseren Blick schließlich auf das Treibholz am Strand. Auf Spitzbergen wachsen keine Bäume dieser Größe. Umso erstaunlicher wirken die Stämme, die hier an der Küste liegen. Wir verlassen uns daher gerne auf das Wissen des Experten: Viele dieser Stämme stammen aus den borealen Wäldern Russlands und Sibiriens. Über Flüsse gelangen sie ins Meer, frieren teilweise ins arktische Meereis ein und werden mit Strömungen über große Entfernungen transportiert, bevor sie an den Küsten Spitzbergens stranden. Jeder Stamm erzählt folglich von einem anderen Ort, von Flüssen in Sibirien oder Russland, von Meereis, Strömungen und einer Reise durch den Arktischen Ozean.
Als wir später zu den Zodiacs zurückkehren, fühlt sich dieser Tag erstaunlich vielschichtig an. Er beginnt mit der Aufregung einer Belugasichtung, führt uns hinaus zum Recherchebreen, schenkt uns weitere Begegnungen mit den weißen Walen, zeigt uns Eis, Gletscherbewegung, Tundra, Rentiere, Krabben und Pflanzen und konfrontiert uns zugleich bei der Hütte Bamsebu mit der Geschichte des Walfangs.
Eigentlich scheint der Tag nach dem Abendessen langsam zur Ruhe zu kommen. Doch die Arktis hat offenbar noch eine letzte Überraschung für uns vorbereitet. Plötzlich macht an Bord die Nachricht die Runde: Eisbär gesichtet. Unser Expeditionsleiter Mario nennt ihn augenzwinkernd eine „sleepy beauty“. Der Bär liegt weit entfernt auf einem Gebirgskamm, irgendwo zwischen Steinen, Geröll und hellen Flecken in der Landschaft. Wer kein Fernglas dabei hat, schaut zunächst vermutlich etwas ratlos auf eine karge, scheinbar unbewegte Bergflanke. Doch wer glücklich ein Fernglas sein Eigen nennen kann oder sich eines im Bord-Shop ausgeliehen hatte, erkennt ihn schließlich: ein heller Körper, gut getarnt zwischen Felsen und Schutt, ruhig und nahezu reglos. Die zufriedenen Beobachterinnen und Beobachter, die den Bären entdecken, stellen sich vermutlich alle dieselbe Frage: Wie in aller Welt hat die Crew diesen Eisbären dort oben gefunden? Die Antwort fällt herrlich trocken aus: Vorher habe er sich noch ein bisschen bewegt.
Das macht die Sache für uns nicht unbedingt weniger erstaunlich. Eher im Gegenteil. Wie aufmerksam muss man diese Landschaft lesen können, um in all der Weite, zwischen Geröll, Schneeresten und Felsen, eine winzige Bewegung richtig einzuordnen? Wir nehmen es mit einem Schmunzeln hin und lassen die Erklärung einfach einmal so stehen. Und fühlen uns sichtlich wohl bei dem Gedanken, dass das Team so gut auf uns aufpasst.
So endet dieser Tag mit einem weiteren, wenn auch klitzekleinen Eisbärenmoment. Während einige Gäste noch weiter durch ihre Ferngläser schauen und andere vergeblich versuchen, den Bären mit bloßem Auge zu finden, liegt unsere „sleepy beauty“ hoch oben am Hang und lässt sich von all der Aufregung an Bord nicht im Geringsten beeindrucken.
Heute zeigt uns Spitzbergen gleich mehrere Gesichter.
Das verspielte Gesicht der Belugas. Das mächtige Gesicht des Recherchebreen. Das stille, historische Gesicht von Bamsebu. Das zarte, lebendige Gesicht der Tundra. Und zum Abschluss das gut getarnte Gesicht eines schlafenden Eisbären auf dem Gebirgskamm.
Ein Tag, der mit einem kleinen Beisatz in Marios Durchsage beginnt, wird zu einem der eindrücklichsten Kapitel unserer Reise. Mehr Spitzbergen geht kaum.
Heute ist wieder ein straffes Programm vorgesehen. Schon beim Frühstück liegt eine gewisse Erwartung in der Luft. Die Gespräche drehen sich um den Vormittag, denn die Crew hat sich vor allem für die sportlichen Gäste etwas Besonderes ausgedacht: Zur Wahl stehen ein Extrem Hiking mit steiler Gipfeltour in der ersten Bergreihe oder eine Zodiacfahrt durch die Küstenlandschaft.
Da absolute Schwindelfreiheit für die Gipfeltour Pflichtvoraussetzung ist und ich nicht behaupten kann, zu hundert Prozent höhenangstfrei zu sein, fällt meine Entscheidung schnell. Ich schließe mich den Gleichgesinnten für die Wassertour an. Und schon bald zeigt sich: Diese Wahl ist keineswegs die zweite Reihe des Programms, sondern ein eigener Höhepunkt. Mit den Zodiacs gleiten wir hinaus in eine Landschaft aus Küste, Fels, Wasser und Eis. Das Licht ist klar genug, um die Strukturen des Gletschers deutlich zu erkennen. Wir kommen den Eisformationen wieder sehr nahe, natürlich mit sicherem Abstand, und staunen über ihre Formen: scharfe Kanten, blaue Einschlüsse, milchige Flächen, Risse, kleine Höhlen und bizarre Bruchstücke, die im Wasser treiben. Jede Scholle scheint ihre eigene Geschichte zu erzählen. Wir lassen uns erzählen, dass der sichere Abstand zum Gletscher vor allem daher gewährt bleiben muss, da bei einem Kalben nicht nur eine enorme Welle erzeugt werden kann, sondern auch messerscharfe Bruchstücke pfeilschnell zu gefährlichem Geschoss werden kann. Auch wenn der Gletscher lockt, sind, wir daraufhin froh einen guten Sicherheitsabstand einzuhalten. Und dann geschieht es plötzlich.
Zunächst hören wir nur ein Grollen. Tief, dumpf, körperlich spürbar. Einige von uns schrecken kurz auf und suchen aufgeregt nach dem Ursprung des Geräuschs. Dann bricht am Gletscher Eis ab. Für einen Moment scheint alles gleichzeitig zu passieren: Bewegung an der Gletscherfront, ein Aufschrei in den Booten, Kameras, die nach oben gerissen werden, ein gemeinsames „Ahhh“ und „Ohhh“.
Nach der ersten Aufregung lauschen wir nur noch. Das brechende Eis klingt nach, die Wasseroberfläche verändert sich, kleine Wellen laufen auf uns zu. Für ein paar Augenblicke schaukeln Eis und Zodiacs um die Wette. Unweit von uns dreht sich eine Scholle mehrmals um die eigene Achse, als müsse sie nach dem Kalben erst wieder ihr Gleichgewicht finden. Es ist ein imposanter Moment, einer dieser Augenblicke, in denen man nicht mehr viel sagen möchte, weil das Naturereignis selbst laut genug gesprochen hat.
Neben dieser Hauptattraktion hält auch die Tierwelt wieder besondere Begegnungen für uns bereit. Unweit der ersten Gletscherbucht taucht immer wieder das freche kleine Gesicht einer Bartrobbe auf. Sie erscheint, verschwindet, zeigt sich erneut und wirkt dabei fast so, als beobachte sie uns mindestens genauso neugierig wie wir sie.
Über diese Sichtung freut sich besonders unser Expeditionsguide Martin. Er erzählt uns, dass er selbst hier noch keine Bartrobbe gesehen hat und dass ihn vor allem das rostrote Gesicht einiger Tiere fasziniert. Es ist ein Merkmal, das auch unser kleiner neuer Freund trägt. Bartrobben sind überwiegend Bodenfischer. Sie suchen am Meeresboden nach Muscheln, Krabben, Garnelen und anderen kleinen Beutetieren. Dabei kommen sie mit eisenhaltigem Sediment in Kontakt. Eisenverbindungen können sich schließlich auf den Haaren ablagern und an der Oberfläche oxidieren, wodurch die typische rostrote Färbung entsteht. Für die Tiere ist das vollkommen harmlos, für uns aber ein spannendes kleines Detail aus dem Leben der Arktis.
Auch eine Küstenseeschwalbe kommt uns relativ nah – allerdings weniger spielerisch als vielmehr erzürnt. Sie hat ihr Nest auf einer kleinen Insel, an der wir vorbeifahren, und für sie ist unmissverständlich klar: Wir müssen da weg. Kreischend begleitet sie uns ein Stück weit, schwebt direkt über unseren Köpfen und macht mit jeder Flugbewegung deutlich, dass wir uns ihrem Brutplatz zu sehr genähert hatten. Küstenseeschwalben sind während der Brutzeit bekannt für ihre entschlossene Nestverteidigung. Sie greifen Eindringlinge nicht aus Bosheit an, sondern schützen Eier und Küken.
Zurück an Bord wartet wieder der inzwischen fast schon legendäre Apfel-Zimt-Tee, der uns nach den Ausflügen aufwärmt. Nach kaltem Fahrtwind, Gletscherluft und konzentriertem Staunen ist dieser Tee jedes Mal eine kleine Wohltat. Hände um die Tasse legen, tief durchatmen, langsam ankommen.
Nach dem Lunch bleibt noch Zeit, auf das offene Meer zu schauen und nach arktischer Fauna Ausschau zu halten. Und tatsächlich werden mehrere – oder vielleicht ein besonders aktiver – Minkwale, auch Nördliche Zwergwale genannt, gesichtet.
Am Nachmittag geht es weiter nach Poolepynten. Viele haben die flache Ebene und die Walrosskolonie bereits vom Schiff aus gesehen und sind entsprechend hibbelig. Als wir endlich mit den Zodiacs losdürfen, liegt der Strand weit und offen vor uns. Dahinter breitet sich die Landschaft Spitzbergens aus.
Poolepynten ist eine etwa 1,5 Kilometer lange Landzunge an der Ostküste von Prins Karls Forland und zählt zu den bekannten Walrossplätzen des Archipels. Der Ort liegt im Forlandet-Nationalpark und trägt den Namen des englischen Walfängers Jonas Poole, der Anfang des 17. Jahrhunderts in dieser Region unterwegs war.
Beim Anlanden fallen uns badende Vogelschwärme auf. Sie liegen auf dem Wasser, steigen gemeinsam auf, drehen in kleinen Gruppen ab und bringen Bewegung in die stille Weite. Im Hinterland sehen wir ein großes Feuchtgebiet mit Tümpeln und Lagunen, in denen sich Himmel und Landschaft spiegeln. Überall liegt Treibholz verstreut: silbergrau verwittert, glattgeschliffen und scheinbar zufällig arrangiert. Dann sehen wir sie endlich auch aus der Nähe: knapp 15 Walrosse ruhen am Strand, dicht beieinander, schwer und dieses Mal erstaunlich lebendig. Aus sicherer Entfernung beobachten wir, wie sich einzelne Tiere träge bewegen, ein Kopf gehoben wird, Stoßzähne aufblitzen oder ein Nachbar mit dumpfem Schnauben zurechtgerückt wird. Einen kurzen Moment denken wir, wir würden gleich Zeugen eines Zweikampfs. Zwei Tiere wirken unruhiger, Körper verschieben sich, Köpfe heben sich, die Stimmung scheint kurz zu kippen. Doch dann beruhigen sie sich wieder und liegen erneut so gemütlich entspannt beieinander, als sei nie etwas gewesen.
Gerade diese Mischung macht Walrosse so faszinierend. Sie wirken schwerfällig und komisch, fast wie überdimensionierte Sofakissen am Strand. Gleichzeitig ist jederzeit klar, welche Kraft in diesen Körpern steckt. Wir bleiben ruhig, halten Abstand und lassen die Tiere einfach Tiere sein.
Fast am Ende der Landzunge steht eine Hütte mit einem kleinen dreieckigen Gebäude daneben. Anders als viele der Hütten auf Spitzbergen ist sie kein altes Trapperdenkmal und keine historische Jagdstation. Sie gehört dem Sysselmester, dem Gouverneur von Svalbard, was auch gut sichtbar am Eingang der Hütte steht, und hat keine besondere historische Bedeutung. Das kleine dreieckige Gebäude daneben diente früher als Bootslager.
Gerade diese Nüchternheit passt irgendwie zu Poolepynten. Der Ort braucht keine dramatische Hüttengeschichte, um eindrucksvoll zu sein. Strand, Walrosse, Vogelschwärme, Treibholz, Tümpel, Lagunen und das weite Licht reichen vollkommen aus. Wir stehen an diesem flachen Stück Küste und spüren erneut, wie besonders es ist, für kurze Zeit Gast auf Spitzbergen zu sein.
Zurück an Bord gibt uns Mario zunächst eine kurze Verschnaufpause, um Gedanken, Fotos und Eindrücke zu sortieren. Danach geht es um 18:45 Uhr zum Recap. Der Tag bietet reichlich Gesprächsstoff.
Anschließend steht ein Arktis-Quiz auf dem Programm. Jetzt zeigt sich, wer wirklich aufmerksam zugehört, alle Vorträge besucht und sich die vielen Details dieser Reise gemerkt hat. In kleinen Teams wird geraten, diskutiert, gerechnet und verteidigt. Unser Team schlägt sich beachtlich und landet immerhin auf Platz 2, nachdem uns der erste Platz aufgrund eines kleinen Rechenfehlers wieder aberkannt wird. Eine bittere, aber durchaus unterhaltsame Wendung.
Später begeistert die norwegische Mannschaft im Fußball-WM-Spiel vor allem unser Expeditionsteam. Viele der Guides kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen, Ländern und beruflichen Hintergründen und haben auf der Ocean Albatros ihren Traumjob gefunden. Heute Abend zeigt sich diese bunte Mischung nicht nur in Fachwissen und Naturbegeisterung, sondern auch in echtem Fußballfieber. 2:1 gegen Brasilien, somit schafft die norwegische Mannschaft das erste Mal den Einzug in ein Viertelfinale einer WM.
So endet ein Tag, der wieder einmal alles vereint, was diese Reise ausmacht. Wir sind müde, aber glücklich. Und vermutlich träumt heute der eine oder andere von kalbendem Eis, schnaubenden Walrossen und einem Quizpunkt, der uns eigentlich noch zugestanden hätte.
Ein letztes Mal geht es heute in den Mudroom. Stiefel an, Weste überziehen, noch einmal diese vertraute Identifikation mit einer einfach gewählten Farbe zur Gruppenzugehörigkeit. Hallo Gruppe gelb! Langsam mischt sich auch ein Hauch Schwermut unter die Vorfreude, denn morgen ist unsere Reise schon wieder vorbei. Wie schön es war, all die Begegnungen, Gespräche und gemeinsamen Momente an Bord zu erleben. Umso schöner, dass wir später noch einmal zusammen auf diese gelungene Reise anstoßen können.
Jetzt geht es raus zu den niedlichen Puffins. Entlang einer Klippe in Skansbukta scheinen Sie sich mit Lummen und Krabbentaucher wunderbar zu arrangieren. Unsere Guide Pierre kennt die kleinen Taucher recht gut und weiß, dass wir ihnen im offenen Ozean näherkommen können, als an der Felswand. Das Zodiac startet also raus aufs Meer und tatsächlich begegnen wir den flinken Vögeln kurz darauf relativ nah an unserem Zodiac. Die Auslöser der Fotokameras sind im Dauereinsatz, denn Papageientaucher stehlen fast automatisch jedem die Show. Mit ihrem schwarz-weißen Gefieder, dem großen orangefarbenen Schnabel und diesem leicht clownesken Gesichtsausdruck wirken sie, als hätte die Arktis sich einen kleinen Farbtupfer erlaubt. An Land sehen sie manchmal etwas unbeholfen aus, fast so, als müssten sie selbst kurz überlegen, wie das mit dem Laufen noch einmal funktioniert. Im Wasser dagegen sind sie erstaunlich geschickte Jäger. Rund um Isfjorden finden sie im Sommer geeignete Brutplätze, wie diese steilen Klippen, und wenn sie so über das Wasser huschen und ihr auffälliger oranger Schnabel das blau des Wassers mit ein wenig Farbenfreude bereichert, muss man sie einfach liebgewinnen.
Auch Skansbukta selbst zieht uns noch einmal in den Bann. Die Bucht liegt geschützt im äußeren Teil des Billefjorden, tief im großen Isfjord-System Spitzbergens. Schon die Einfahrt wirkt wie ein kleines Theater aus Stein: steile Klippen, eine schmale Strandterrasse und darunter verstreute Spuren alter menschlicher Hoffnungen. Hier wurde im frühen 20. Jahrhundert nach Gips gesucht. Zurückgeblieben sind Reste von Verladeanlagen, Schienen, einer Grube und andere Relikte, die langsam wieder von der Natur zurückerobert werden. Skansbukta erzählt damit nicht nur von arktischer Landschaft, sondern auch vom alten Traum, in dieser rauen Welt Rohstoffe zu gewinnen.
Morgen dürfen wir noch einmal nach Longyearbyen. Einige von uns werden dort noch etwas Zeit verbringen, bevor es Richtung Heimat geht. Andere starten bereits früher nach Oslo und unternehmen dort noch eine Stadttour. Unsere Gruppe teilt sich also langsam auf, und genau das macht diesen letzten Abend an Bord besonders.
Wir erheben noch einmal unser Glas auf den Kapitän der Ocean Albatros und freuen uns über eine kleine Showeinlage der Crew. Bestimmt wird auch noch das Tanzbein geschwungen. Und auch wenn Wehmut mitschwingt, überwiegt die Dankbarkeit: für diese Reise, für Spitzbergen, für all die Naturmomente und für die Menschen, mit denen wir sie teilen durften.
„Good morning ... good morning.“
Noch einmal diese vertraute Stimme am Morgen. Noch einmal ein Blick aus der Kabine, noch einmal Frühstück an Bord, noch einmal Kaffee, Brot, Gespräche und dieses leise Gefühl: Heute ist wirklich der Abschied. Wir lassen uns das Frühstück extra gut schmecken, vielleicht auch ein bisschen bewusster als sonst. Denn bald ist es vorbei mit dem schönen Schiffskomfort. Zu Hause macht niemand mehr heimlich die Betten, niemand richtet abends die Serviette, und die Auswahl beim Abendessen wird vermutlich auch wieder deutlich bodenständiger ausfallen. Die Nacht war kurz, aber das kennen wir inzwischen. Unsere Koffer stehen bereits vor der Kabine, und irgendwie fühlt sich genau dieser Anblick immer nach Reiseende an.
Der Bus bringt uns zurück nach Longyearbyen, und sofort ist wieder dieses vertraute Gefühl da. Der Hauptplatz, die bunten Häuser, die klare Luft, die Berge im Hintergrund. Vor zehn Tagen war alles noch neu, jetzt hat vieles schon einen Platz in unseren Erinnerungen.
Wir gehen noch einmal zur Kirche. Diesmal ist es ruhiger als bei unserem ersten Besuch, und wir können das besondere Interieur ganz in Ruhe auf uns wirken lassen: das bunte Glasfenster im Altarraum und das Schiffsmodell oben an der Decke. Draußen spazieren wieder die Gänsefamilien zwischen den Häusern umher. Vielleicht bilden wir es uns nur ein, aber die Küken wirken tatsächlich größer als bei unserer Ankunft. Auch bei unseren Husky-Freunden im Café schauen wir noch einmal kurz vorbei. Ein kleines Hallo, ein letzter Besuch, dann zieht es uns weiter ins Svalbard Museum.
Und dieser Besuch lohnt sich sehr. Nach den vielen Tagen draußen, nach Gletschern, Tundra, Walrossen, Belugas und alten Hütten, fühlt sich das Museum fast an wie ein ruhiger Raum zum Sortieren. Viele Geschichten, die wir unterwegs gehört haben, bekommen hier noch einmal mehr Tiefe. Besonders schön finde ich, dass das Svalbard Museum selbst eine kleine Longyearbyen-Geschichte erzählt: Es gilt als nördlichstes Museum der Welt, begann aber ganz bescheiden. Die ersten Objekte wurden einst im alten Postamt unterhalb der Kirche gesammelt, und 1981 öffnete das Museum für Besucher tatsächlich in einem alten Schweinestall. Heute bewahrt es zehntausende Objekte und Fotografien zur Natur- und Kulturgeschichte Svalbards. Ein ziemlich weiter Weg vom Schweinestall zum Wissensort der Hocharktis.
Als wir wieder nach draußen treten, scheint die Sonne mit voller Kraft über Longyearbyen. Da ist er wieder, unser Wetterbonus, der uns auf dieser Reise so oft begleitet hat. Eine Bank lädt zum Sitzen ein, und wir bleiben einfach noch einen Moment. Weil es einfach guttut, kurz nichts zu tun. Wir schauen, schweigen, erzählen, erinnern uns.
Der Transfer zum Flughafen läuft reibungslos, auch das Check-in macht keine Probleme. Eigentlich sind wir innerlich schon dabei, diese Reise langsam abzuschließen. Doch dann weist mich ein Mitreisender auf Bewegung im Wasser nahe dem Ufer hin. Und tatsächlich: Belugas. Noch einmal tauchen sie auf. Hell, ruhig, fast unwirklich. Als hätten sie beschlossen, uns zum Abschied noch einen letzten Gruß zu schenken. Für einen kurzen Moment sind wir nicht am Flughafen, nicht auf dem Weg nach Hause, sondern wieder mitten in dieser Reise. Mitten in Spitzbergen. Mitten im Staunen.
Ich wünsche allen noch viele solcher Momente. Auf Reisen, zu Hause und überall dort, wo das Leben kurz innehält und uns zeigt, wie besonders es sein kann.
Wir von Eisexpeditionen.de beraten Sie gerne zu Reisen mit der Ocean Albatros von Polar Latitudes Expeditions.
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