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Reisetagebuch Gruppenreise Spitzbergen mit der Ocean Albatros | Teil 3

Gestern Abend wurde noch darüber debattiert, ob der morgendliche Weckruf vielleicht ein wenig später erfolgen könnte.

01. Juli 2026 – Packeis, Polargeschichte und unser erster Eisbär

Viele Spitzbergen-Besucher wünschen sich nach den intensiven ersten Tagen eine etwas längere Nachtruhe. Doch heute braucht es eigentlich gar keinen offiziellen Weckruf. Wir werden von Geräuschen wach, die nicht zum normalen Klangbild eines Schiffes gehören. Dumpfe Schläge. Ein Kratzen entlang des Rumpfes. Dann wieder ein tiefes, beinahe mahlendes Geräusch, als würde etwas Schweres über Metall schieben. Noch halb im Schlaf lauschen wir in unsere Kabinen hinein, bis klar wird: Das ist kein technisches Problem, kein Manöver und keine Einbildung, das ist das Packeis.

Vor dem Bug der Ocean Albatros bersten die ersten Schollen und seitlich am Rumpf brechen kleinere Eisstücke auseinander. Das Schiff arbeitet sich langsam durch das Packeis, und plötzlich fühlt sich alles anders an. Wir liegen mitten in einer Welt aus Meereis.

Zwischen 7:00 Uhr und 8:30 Uhr wartet wie gewohnt das Frühstück, doch viele Gäste nehmen den Kaffee heute mit besonders schnellen Blicken nach draußen ein, oder begeben sich mit ihren Tassen auf ihre Balkone, auf die Aussichtsdecks oder in die Observation Lounge. Draußen breitet sich eine endlose, helle Weite aus. Eisplatten, Bruchstücke, kleine Rinnen und dunkle Wasserflächen bilden ein Mosaik, das sich ständig verändert. Mal schiebt sich eine größere Scholle langsam am Schiff vorbei, mal zerbricht ein dünneres Stück in viele kleinere Fragmente.

Das Wetter passt perfekt zu diesem Tag. Es zeigt uns nicht nur eine einzige Seite der Arktis, sondern gleich mehrere. Unter einer Wolkendecke wirken Wasser und Eis gedämpft, fast silbergrau. Sobald die Sonne hervortritt, leuchten einzelne Kanten bläulich, andere Flächen erscheinen weiß, matt oder beinahe transparent. Zwischendurch fällt Schnee und legt sich für kurze Augenblicke wie ein weicher Schleier über die Landschaft.

Jede Scholle ein kleines Einzelstück

Gespannt lauschen wir den interessanten Erklärungen des Expeditions-Teams. Sie erzählen uns, dass Meereis aus gefrierendem Salzwasser entsteht. Dabei bilden sich Eiskristalle, während salziges Meerwasser in kleinen Kanälen und Taschen eingeschlossen oder allmählich wieder ausgeschieden wird. Dadurch ist Meereis ein komplexes, ständig wechselndes System aus Eis, Salzlake, Luft und Wasser – ganz anders als das kompakte Gletschereis, das wir gestern bestaunen durften. Auch die Farben erzählen ihre eigene Geschichte. Weißes Eis enthält oft viele Luftblasen, die das Licht in alle Richtungen streuen. Dichteres, älteres oder klareres Eis kann dagegen bläulich erscheinen, weil rotes Licht stärker absorbiert wird und vor allem blau zurückbleibt. Jede Scholle wirkt dadurch wie ein kleines Einzelstück.

Neben den kleinen Lektionen an Deck, hat das Team Vorträge geplant, die sowohl im großen Saal wie auch über unseren TV in der Kabine als Übertragung verfolgt werden können. Vor der Lunchzeit lädt Alyse beispielsweise zu ihrem Vortrag über die erstaunliche Anpassungsfähigkeit der Tiere in der Arktis ein. Wer sich von der Aussicht kurz losreißen kann, wird belohnt. Denn Alyse beginnt nicht bei den großen, spektakulären Arten, sondern bei den Kleinsten.

Sie erzählt zunächst vom Krill und davon, wie selbst winzige Lebewesen Strategien entwickeln, um durch die langen, dunklen und nahrungsarmen Winter zu kommen. Besonders eindrucksvoll ist das Bild vom „arktischen Sommerkleid“, das abgestreift wird. Krill kann in Zeiten knapper Nahrung und Kälte Körpermasse abbauen, seinen Energiebedarf senken und so die Wintermonate überstehen. Gut untersucht ist dieses Schrumpfen vor allem beim Antarktischen Krill. Für arktische Krillarten wie Thysanoessa inermis zeigen Studien zudem weitere spezielle Überwinterungsstrategien, darunter veränderten Stoffwechsel, Nutzung von Reserven und alternative Nahrung.

Von dort aus spannt Alyse den Bogen zu den größeren Bewohnern des Nordens. Eisbären wandern auf Eisschollen, weil sie dort ihre Beute finden. Im Winter teils dicht gefolgt von Polarfüchsen, die sich genussvoll an den Resten laben. Und Seevögel verbinden durch ihre Nahrungssuche das Meer mit den Nährstoffkreisläufen an Land. Auf Spitzbergen sind daher Meereis und Eisrandzone für viele Arten von zentraler Bedeutung.

So schauen wir nach dem Vortrag noch einmal anders auf die Landschaft vor den Fenstern. Die weißen Flächen sind nicht nur eine spektakuläre Kulisse. Sie sind Lebensraum, Jagdgebiet, Schutzraum und Nahrungsquelle. Was für uns wie eine stille Eiswüste aussieht, ist für viele Tiere der Arktis ein entscheidender Teil ihres Überlebens.

Laurence lässt besonders die Zeit der Trapper lebendig werden

Gegen Mittag wartet das Buffet. Kaum sitzt man am Tisch, möchte man aber schon wieder aufspringen, um ein besonders blaues Eisstück zu sehen, oder Ausschau nach tierischen Arktisbewohnern zu halten. Gespräche beginnen und brechen kurzerhand wieder ab, weil sich vermeintlich etwas im Wasser bewegt hat, nur um sie mit Fernglas in der Hand fortzusetzen.

Am Nachmittag erzählt Laurence auf Deck 5 vom geschichtlichen Hintergrund Spitzbergens. Passender könnte der Vortragsort kaum sein. Während wir im Packeis dahingleiten, hören wir von den Menschen, die seit Jahrhunderten in diese extreme Region kommen. Die europäische Geschichte Spitzbergens beginnt 1596 mit Willem Barentsz, der auf der Suche nach einer Nordostpassage in Richtung Asien auf die Inselgruppe stößt. Danach folgen Jahrhunderte intensiver Nutzung: Walfang, Robbenjagd, Pelztierfang, wissenschaftliche Expeditionen und später der Kohlebergbau prägen die Geschichte des Archipels.

Laurence lässt besonders die Zeit der Trapper lebendig werden. Man stellt sich kleine Hütten vor, lange Winter und die absolute Dunkelheit. Diese Geschichten erzählen von Einsamkeit und einer Lebensweise, die kaum Fehler verzeiht. Zudem hat er ein paar einprägsame Bilder von Tierleid dabei, die uns daran erinnern, wie grausam diese Zeiten sein konnten. Auch die politische Geschichte ist ungewöhnlich. Der Spitzbergenvertrag von 1920 erkennt die norwegische Souveränität über den Archipel an. 1925 trat das Gebiet offiziell unter norwegische Verwaltung. Gleichzeitig erhalten Staatsangehörige der Vertragsparteien bestimmte Rechte zur wirtschaftlichen Tätigkeit. Aus diesem Grund ist Spitzbergen bis heute ein besonderer Ort … norwegisch, international und historisch eng mit Forschung, Rohstoffen und geopolitischen Interessen verbunden.

Während Laurence erzählt, wandern die Blicke einiger Gäste immer wieder zur Seite. Denn draußen auf dem Eis geschieht etwas. Mehrere Guides sind bereits damit beschäftigt, ein kleines Areal auf einer stabil wirkenden Eisscholle abzustecken. Die Waffenträger positionieren sich mit weitem Blick über das Eis. Alles wirkt ruhig, konzentriert und professionell. Wer aufmerksam zusieht, ahnt: Hier wird etwas vorbereitet und tatsächlich, gegen 16:00 Uhr kommt die Durchsage. Die Crew hat sich eine besondere Überraschung überlegt: einen kleinen Eisspaziergang. Wie großartig. Die Begeisterung ist sofort spürbar. Einmal auf dem Packeis stehen, dort, wo eben noch das Schiff die Schollen teilt. Für viele von uns war diese Vorstellung ein ganz besonderer Moment. Die erste Gruppe wird in den Mudroom gerufen. Stiefel, warme Kleidung, Schwimmwesten, Kameras: alles wird vorbereitet. Und dann ein kleiner Tumult am Zodiaceinstieg. Denn die Arktis entscheidet schnell anders.

Unser erster Eisbär

Während die erste Gruppe bereits vollständig ausgerüstet wartet, erfahren wir später, nähert sich ein Eisbär schwimmend einem der Zodiacs. Er ist neugierig, vermutlich auch auf Beutezug. Und er kommt näher. Die Guides reagieren sofort. Einer von ihnen gibt aus dem Zodiac einen Warnschuss mit der Leuchtpistole in den Himmel ab, um dem Bären deutlich zu signalisieren, dass er sich nicht weiter nähern soll. Solche Maßnahmen dienen nicht der Dramaturgie, sondern dem Schutz aller Beteiligten. Vor allem auch dem Schutz des Tieres. Bei Expeditionen in Eisbärengebieten gilt, wenn ein Bär sich nähert, wird eine Anlandung abgebrochen oder gar nicht erst begonnen. Sicherheit und Abstand haben absoluten Vorrang. Denn wir sind in das Revier des Bären eingedrungen, nicht umgekehrt.

Damit ist aber auch klar, dass aus der Eisschollenwanderung nichts wird. Nur der bereits ausgerüsteten ersten Gruppe ist das zunächst nicht bewusst. Viel Kuddelmuddel, wie man so schön sagt und die Frage, was eigentlich gerade passiert. Von der Seite dann der entscheidende Hinweis, dass ein Eisbär gesichtet wurde. Der erste Gedanke war, wie komme ich schnell aus der Kleidung, um von den oberen Decks das Tier noch zu sehen. Einer der Guides erlöst uns und animiert uns schnell hochzulaufen und die Stiefel einfach anzubehalten. Anstelle eines Spaziergangs auf dem Eis erleben wir etwas, das sich viele seit Beginn der Reise gewünscht haben. Wir sehen unseren ersten Eisbären.

Der Bär bewegt sich und wir erstarren vor Ehrfurcht. Was für ein Anblick mit dieser besonderen Mischung aus Kraft und scheinbarer eleganter Gelassenheit in seinen Bewegungen. Mal bleibt er stehen, mal hebt er den Kopf, mal wittert er. Dann rollt er sich über den Schnee, um sein Fell zu trocknen. Seine Präsenz ist überwältigend.

Ein Eisbär ist kein Symbolbild mehr, kein Wunschmotiv aus der Broschüre, kein Gedanke beim Blick auf das Packeis. Er ist da. In seiner Welt. Auf seinem Eis. Für viele Gäste ist dies einer der emotionalsten Momente der bisherigen Reise. Niemand beschwert sich mehr ernsthaft über den ausgefallenen Eisspaziergang.

Der tägliche Rückblick und das Außen-BBQ bekommen durch diese Begegnung natürlich ein völlig neues Thema. Was eigentlich als schöner Abschluss eines spannenden Packeistages geplant war, wird nun zum gemeinsamen Staunen. Wer hat ihn zuerst gesehen? Wer hat die besten Fotos? Wie nah war er wirklich?

2. Juli 2026 – Walrosse am Torellneset, Nebel und das große Spektakel von Alkefjellet

Eine Expedition ist eben eine Expedition und nicht immer läuft alles nach Plan. Genau das zeigt uns die Arktis heute wieder auf eindrucksvolle Weise.

Als wir am Morgen aufwachen, sieht zunächst alles nach einem perfekten Expeditionstag aus. Der Himmel ist strahlend blau und die Sicht weit. Auf uns wartet zunächst wie gewohnt das Frühstück, und wer sich einen Fensterplatz im Restaurant sichert, blickt hinaus auf eine Landschaft, die nicht mehr an die gestrigen Packeis-Felder erinnert. Wir sehen karge Küstenlinien auf Nordaustlandet, denn unser Ziel am Vormittag ist Torellneset. Der Ort ist bekannt für seine Polarwüstenlandschaft, seine erhöhten Strandterrassen und vor allem für einen der eindrucksvollen Walross-Ruheplätze Spitzbergens. Die Vorfreude und Erwartung sind dementsprechend groß.

Das Wetter suggeriert, dass dieser Plan ohne Schwierigkeiten aufgehen könnte. Blauer Himmel und gute Sicht. Die Arktis zeigt sich zunächst von ihrer einladenden Seite. Doch wir wissen inzwischen: Ein schöner Morgen ist hier oben noch kein Versprechen für den ganzen Tag. Die ersten Gruppen werden in den Mudroom gerufen und die Abläufe sind inzwischen vertraut. Nur noch wenige Gäste brauchen tatkräftige Unterstützung von den Guides beim zu zurren der Weste. Für unsere gelbe Gruppe ist das Wetter noch wohlgesonnen, und wir dürfen tatsächlich an Land. Schon auf dem Weg dorthin spüren wir allerdings, dass der Tag nicht völlig unkompliziert wird. Die Zodiacs schwanken ungewohnt stark im Wellengang. Bei den leichteren Gästen hebt es zwischendurch fast ein wenig den Körper vom Schlauchrand. Gut, dass wir bereits beim Einstieg den Hinweis bekamen uns gut festzuhalten. Auf halber Strecke hören wir gebannt der Information über Funk. Eine kleine Gruppe Walrosse schwimmt entlang der Landzunge in Richtung ihrer Kolonie. Unser Zodiac stoppt daraufhin sofort, um die eleganten Schwimmer nicht zu bedrängen. Aber natürlich, richten sich sofort alle Blicke auf das Wasser. Immer wieder sehen wir dunkle Rücken, die für wenige Augenblicke an der Oberfläche erscheinen. Trotz Fernglas sind sie jedoch immer noch weit entfernt. Unser Guide erklärt, dass es sich offenbar um eine kleine Gruppe mit zwei Kälbern handelt. Wie schön, denken wir uns, dann werden wir bald auch Jungtiere sehen. Uns ist bewusst, dass die Walrosse für uns teils neugierig wirken, aber starke Wildtiere sind und besonders mit Nachwuchs sensibel oder auch abwehrend reagieren können. Wir halten also Abstand, beobachten und lassen ihnen die Möglichkeit, ihren Weg selbst zu wählen.

Beeindruckende Walrosse

Das Walross gehört zu den markantesten Tieren der Arktis: massig, laut, gesellig und mit seinem dichten Schnurrbart nahezu unverwechselbar. Ihre Nahrung suchen die Tiere vorrangig am Meeresboden, wo sie mit den empfindlichen Vibrissen (den kräftigen Schnurrhaaren) Muscheln und andere Kleintiere ertasten. Neben dem Schnurrbart hat das Walross noch ein markantes Erkennungszeichen: Die langen Stoßzähne wirken beeindruckend, sind aber weit mehr als Schmuck. Sie helfen beim Herausziehen aus dem Wasser, beim Bewegen auf dem arktischen Eis und bei Auseinandersetzungen. Lange Zeit wurden sie aufgrund dessen bejagt. Walross-Elfenbein war vor allem in Europa ein sehr begehrtes Handelsgut und führte zu massenhaften Tötungen. Und obwohl sie ausgezeichnete Schwimmer und Taucher sind, wurde ihnen ihre Schwerfälligkeit an Land zum Verhängnis.

An Land läuft alles geordnet ab. Wir sammeln uns als Gruppe und nähern uns der Kolonie langsam, geschlossen und sehr ruhig. Niemand geht allein voraus. Vor der Anlandung hatte das Expeditionsteam bereits Fähnchen aufgestellt, damit wir auch visuell auf unseren Sicherheitsabstand achten können und unsere Anwesenheit die Tiere nicht stört.

Vor uns liegt die Walrosskolonie und das ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Die Tiere wirken aus der Entfernung beinahe wie glänzende, braune Felsen. Doch dann hebt sich ein Kopf, ein Stoßzahn wird sichtbar, ein Körper schiebt sich träge gegen den nächsten. Es wird gegrunzt, geschnaubt, gerangelt und neu sortiert. Gerade diese Mischung aus enormer Kraft und sozialem Verhalten macht Walrosse so faszinierend. Wir hätten uns diesen Moment real nie so ausmalen können: Wir stehen in dieser kargen Polarlandschaft, hören die Geräusche der Kolonie und wissen, wie besonders dieser Eindruck ist. Keine Inszenierung, keine Garantie, nur eine Möglichkeit, die uns die Arktis heute für kurze Zeit schenkt.

Plan B aufgrund aufziehendem Nebel

Doch während unsere Gruppe noch Glück hat, verändert sich die Lage für die folgenden Gäste. Über dem Wasser zieht Nebel auf. Zunächst wirkt er fast schön, wie ein weicher Schleier über der Küste. Dann wird die Sicht rasch schlechter. Für Zodiacfahrten und Landgänge ist Nebel nicht nur eine atmosphärische Erscheinung, sondern ein echtes Sicherheitskriterium. Die Orientierung und die Sicht auf Wildtiere müssen jederzeit gewährleistet bleiben. Wie schnell sich ein Eisbär nähern kann, hatten wir ja bereits erlebt. Die Expeditions-Crew trifft deshalb schweren Herzens die Entscheidung, dass der Landgang für die übrigen Gruppen abgebrochen werden muss.

Etwa die Hälfte der Gäste darf die Walrosse an Land sehen, die andere Hälfte leider nicht. Die Enttäuschung liegt auf der Hand. Gerade weil der Morgen so verheißungsvoll begonnen hat, fühlt sich dieser Abbruch bitter an. Doch auch das gehört zu einer echten Expedition. Wind, Nebel, Wellengang und Sichtverhältnisse lassen sich nicht verhandeln. Bald weicht die Enttäuschung jedoch wieder neuer Abenteuerlust. Die Durchsage an Bord macht Hoffnung: Unsere Reise wird mit hoher Wahrscheinlichkeit noch eine weitere Möglichkeit bieten, Walrosse an Land zu beobachten. Rund um Spitzbergen gibt es mehrere bekannte Ruheplätze, etwa auf der Insel Moffen, im Forlandsund oder am Kap Lee. Nicht jeder Ort ist jederzeit zugänglich, und viele Bereiche stehen unter besonderem Schutz, doch die Chancen auf eine zweite Begegnung sind durchaus gegeben.

Die Arktis verteilt ihre Erlebnisse nicht immer gleichmäßig, aber sie hält oft Überraschungen bereit. Daher beschließen alle sich auf den Nachmittagsausflug zu konzentrieren. Die Vogelklippe Alkefjellet steht auf dem Plan.

Die Vogelklippe Alkefjellet

Zur Vorbereitung hält Janel einen spannenden Vortrag über die faszinierenden Lummen. Und wer bei „Lumme“ zunächst nur an einen schwarz-weißen Seevogel denkt, merkt schnell, dass uns hier ein ganz eigenes Naturwunder erwartet. Die Dickschnabellumme, auch Brünnich-Lumme genannt, ist eine der wichtigsten Seevogelarten im arktischen Ökosystem. Sie ernährt sich unter anderem von Polardorsch und anderen kleinen Fischen und gilt deshalb als sensibler Indikator für Veränderungen im Nahrungsnetz.

Janel erklärt, wie die Lummen an ein Leben zwischen Felswand, Meer und Eis angepasst sind. Sie brüten dicht gedrängt auf schmalsten Felsvorsprüngen und ihr einziges Ei ist birnenförmig, sodass es auf dem schmalen Felsband eher im Kreis rollt, als geradeaus in die Tiefe zu fallen. Die Küken verlassen die Klippen, bevor sie flugfähig sind, und springen später begleitet von einem Elternvogel hinab zum Meer. Es klingt waghalsig und ist doch Teil eines perfekt an diesen Lebensraum angepassten Brutzyklus. Und der Nachmittag sollte zeigen, dass der Vortrag die ideale Einstimmung war. Denn was für ein Spektakel hatten wir vor uns. Alkefjellet, auf Deutsch etwa „Alkenfelsen“ oder „Berg der Lummen“, trägt seinen Namen zurecht: eine kilometerlange, steil aufragende Felswand, belebt von Zehntausenden Dickschnabellummen und unzähligen weiteren Seevögeln. Schon die Klippen allein wären beeindruckend, doch erst das unaufhörliche Rufen, Fliegen und Treiben der Vögel macht diesen Ort zu einem echten Naturwunder.

Wir steigen in die Zodiacs und gleiten langsam unter den dunklen Felsstrukturen entlang. Das Wasser ist ruhig genug, um den Blick nach oben schweifen zu lassen, und überall ist Bewegung. Wir sind schon extrem beeindruckt, als uns Helen unser Expeditionsguide versichert, wir seien erst in der Vorstadt. Die Stadtmitte der Schwärme würde erst noch folgen und dann war sie da. Vögel sitzen dicht gedrängt auf schmalen Vorsprüngen, ruhen in Gruppen auf dem Wasser, tauchen nach Fischen oder ziehen in schnellen Flugbahnen an den Klippen entlang. Manche fliegen so dicht über unsere Köpfe hinweg, dass wir unwillkürlich den Kopf einziehen. Ihr Rufen, Flügelschlagen und Durcheinander erfüllt die Luft.

Die Jungtiere bleiben für uns meist verborgen, da die erwachsenen Vögel schützend davorstehen. Sie sitzen eng auf den Felsbändern, passen gut auf ihren Nachwuchs auf und nutzen jede verfügbare Nische. Schnell wird klar, dass Alkefjellet kein stilles Panorama ist. Es ist ein lebender, atmender, rufender Ort. Ein Naturtheater, das alle Sinne gleichzeitig fordert.

EIn Polarfuchs zeigt sich

Auch geologisch ist dieser Felsen außergewöhnlich. Dunkler Dolerit durchzieht helleren Kalkstein und bildet mächtige, säulenartige Strukturen. Diese dunklen Gänge und Pfeiler geben der Felswand ihre dramatische Form. Sie wirken fast wie von Menschenhand errichtet, sind jedoch das Ergebnis geologischer Prozesse, die weit älter sind als jede menschliche Geschichte in der Arktis. Im Hinterland liegt die kleine Eiskappe Odinjøkulen, deren Schmelzwasser sich uns heute in Form von Wasserfällen zeigt, die über die Klippen stürzen. Weiße Bänder ziehen über den dunklen Fels, verschwinden in Rinnen und fallen in feinen Linien zum Meer hinab. Laut unserer Zodiacfahrerin haben wir damit besonderes Glück: Auf der Spitzbergen-Fahrt der Ocean Albatros unmittelbar vor uns waren diese Wasserfälle noch nicht aktiv. Heute aber geben sie der ohnehin spektakulären Szenerie eine zusätzliche, fast magische Ebene.

Wir fahren langsam weiter, immer wieder stoppen die Zodiacs, damit alle fotografieren, beobachten oder einfach staunen können. Manche Felsbereiche gehen fast senkrecht ins Wasser hinab, andere sind zurückgesetzt und bieten kleinen Schneefeldern, Geröll und Vegetation Raum. Genau dort, in diesen Übergängen zwischen Felsen und Ufer, geschieht schließlich noch etwas, das die Begeisterung an Bord der Zodiacs weiter steigert. Ein Polarfuchs auf Beutezug zeigt sich. Er bewegt sich geschickt über die Steine am Ufer entlang. Für ihn ist ein Vogelfelsen wie Alkefjellet ein reich gedeckter Tisch. Eier, Küken oder verunglückte Vögel können zur Nahrung werden, und gerade die weniger steilen Bereiche zwischen Felswand und Ufer werden von Polarfüchsen aufmerksam abgesucht.

Wir beobachten, wie er geschickt über die Felsen klettert, kurz anhält um die Szenerie zu beobachten und schließlich weiterzieht. Vor der gewaltigen Wand aus Gestein und Vögeln wirkt er klein, aber keineswegs verloren. Er gehört hierher. Wie die Lummen, wie die Möwen, wie das Wasser und das Eis ist auch er Teil dieses dicht verwobenen arktischen Lebensraums.

Rückkehr zum Schiff

Als wir später zur Ocean Albatros zurückkehren, sind viele von uns stiller als sonst. Nicht aus Müdigkeit allein, sondern weil dieser Tag mehr Eindrücke liefert, als sich sofort in Worte fassen lassen. Abends treffen wir uns wieder zum À-la-carte-Dinner. Die Auswahl ist wie gewohnt groß, von Fisch, Fleisch über vegetarische Gerichte und es schmeckt uns allen hervorragend.

Dieser Tag zeigt uns die ganze Bandbreite einer Expedition: Glück und Verzicht, Planänderung und Überraschung. Dankbar für all das, was wir heute sehen und erleben dürfen, werden wir wohl alle gut schlafen. Draußen bleibt es hell und irgendwo hinter uns rufen noch immer die Lummen von Alkefjellet.

Später zeigt uns die Arktis noch einmal sehr deutlich, dass sich Pläne hier nicht einfach festschreiben lassen. Nach dem Vormittag am Torellneset, bei dem nur ein Teil der Gäste die Walrosskolonie an Land erleben durfte, gibt uns der Kapitän zunächst neue Hoffnung. Die Ocean Albatros dreht noch einmal um. Der Plan ist so einfach wie schön: Vielleicht verzieht sich der Nebel, vielleicht öffnet sich ein Wetterfenster und vielleicht bekommen auch die übrigen Gäste noch ihre Chance auf die Walrosse. Doch der Nebel bleibt. Er hängt dicht über dem Wasser, verschluckt Konturen und nimmt der Landschaft jede Tiefe. Was eben noch nach einer zweiten Möglichkeit aussieht, wird wieder zu einer arktischen Geduldsprobe. Schließlich geht es zurück auf die vorgesehene Route. Die Walrosse bleiben für einige Gäste weiterhin ein unerfüllter Wunsch – zumindest für den Moment.

03. Juli 2026 – Nebel, Brückenblick, Kapitänsstuhl und Kurs auf den Süden Spitzbergens

Auch heute Morgen ist der Nebel noch immer das dominierende Wetterbild. Beim Blick aus der Kabine liegt die Welt in Grau und Weiß. Wasser, Himmel und Küste gehen ineinander über. Die Arktis hat den Tag noch nicht freigegeben.

Trotzdem bleibt der Blick nach draußen faszinierend. Die Scheiben rahmen eine fast abstrakte Landschaft ein, in der sich nur gelegentlich dunklere Schatten zeigen. Handelt es sich um eine Küste, eine Wolkenbank, oder vielleicht nur eine Täuschung des Auges? Die geplante Wanderung kann unter diesen Bedingungen nicht stattfinden. Auch sonst ist kein Landgang möglich. Für eine Anlandung braucht es nicht nur geeignete Küsten und vertretbaren Wellengang, sondern auch Sicht. Die Guides müssen Gelände, Tiere, Rückwege und mögliche Gefahren zuverlässig einschätzen können. Wenn der Nebel zu dicht bleibt, entscheidet nicht der Wunsch nach Programm, sondern die Sicherheit.

Nach den eindrucksvollen Tagen mit Kinnvika, Packeis, Walrossen und Alkefjellet haben wir uns bereits an den Rhythmus aus Mudroom, Zodiac und Landgang gewöhnt. Heute aber bleibt der Mudroom stiller als sonst. Keine Gruppenaufrufe, keine Stiefelreihen, keine hektische Suche nach Handschuhen, Kameraakkus oder Mützen. Doch auch ein Tag ohne Landgang ist mit Polar Latitudes Expeditions kein verlorener Tag.

Unser Expeditionsleiter reagiert flexibel und organisiert für uns einen Besuch auf der Kommandobrücke. Das passt wunderbar zu diesem Nebeltag, denn gerade heute interessiert uns besonders, wie ein Schiff sicher durch eine Landschaft fährt, die man mit bloßem Auge kaum noch lesen kann. In kleinen Gruppen dürfen wir hinauf. Schon der Weg zur Brücke fühlt sich ein wenig besonders an. Normalerweise erleben wir die Ocean Albatros vor allem als Gäste. Hier oben aber betreten wir den Arbeitsplatz der Nautiker. Große Fenster geben den Blick nach vorne frei, Monitore zeigen Karten, Positionen, Tiefenlinien und technische Daten. Alles wirkt ruhig, konzentriert und übersichtlich.

Besuch auf der Kommandobrücke

Die Brücke ist das Nervenzentrum der Ocean Albatros. Hier laufen Informationen zum Kurs, der Geschwindigkeit, dem Wetter, der Sicht, der Eis- und Navigationsdaten, dem Funkverkehr und die laufende Abstimmung mit dem Expeditionsteam zusammen. Gerade auf einer Spitzbergen-Umrundung ist diese Zusammenarbeit entscheidend. Der Kapitän und seine Offiziere führen das Schiff, doch die Route entsteht im ständigen Dialog mit den Bedingungen draußen. Und dann dürfen wir sogar auf dem Kapitänsstuhl Platz nehmen. Natürlich steuern wir das Schiff nicht selbst, aber allein die Perspektive verändert sich. Vor uns liegt die weite Frontscheibe, darunter das Wasser, dahinter die noch immer wechselnde Sicht. Neben uns Anzeigen, Instrumente und die ruhige Professionalität der Brückencrew. Es ist einer dieser vielen kleinen, besonderen Reisemomente. Während wir von der Aussicht auf der Brücke profitieren dürfen, geschieht etwas, das fast zu gut ins Drehbuch unserer Umrundung passt. Der Nebel lichtet sich. Als wollten uns Wetter und Schiff gemeinsam zeigen, warum sich Geduld in der Arktis lohnt, verwandelt sich der Brückenbesuch in einen echten Aussichtsmoment. Und als wäre das nicht genug, wird auch noch ein Minkwal gesichtet.

Nicht jeder bekommt ihn gleich gut zu sehen, denn Minkwale sind schnelle, eher unauffällige Wale. Oft zeigen sie nur kurz Rücken und Rückenfinne, bevor sie wieder abtauchen. Im Vergleich zu den großen Finn- oder Blauwalen wirkt er fast zierlich, kann aber dennoch mehrere Meter lang werden und bewegt sich oft flink und elegant durch die arktischen Gewässer. Die Sichtung passt wunderbar zu diesem Tag: kein großes, lange angekündigtes Spektakel, sondern ein kurzer, überraschender Moment, der plötzlich alle Blicke nach draußen zieht. Aus einem Nebeltag wird ein Tag mit Brückenbesuch, Kapitänsstuhl, aufklarendem Himmel und einem Wal.

Kurs um die Südspitze Spitzbergens

Die Ocean Albatros nimmt Kurs um die Südspitze Spitzbergens. Nach den nördlichen und östlichen Eindrücken der vergangenen Tage verändert sich damit auch das innere Reisegefühl. Wir lassen die Regionen hinter uns, in denen Packeis, Nordaustlandet und die Hinlopenstraße den Ton angegeben haben, und nähern uns dem südlichen Spitzbergen mit seinen breiten Fjorden, vergletscherten Tälern und geschützten Wasserwegen.

Am Nachmittag bleibt Zeit, das Schiff noch bewusster wahrzunehmen. Einige nutzen die Außendecks, andere sortieren Fotos, lesen oder sitzen in der Lounge und beobachten die langsam wechselnde Küste. Die Ocean Albatros wird heute nicht nur zum Transportmittel, sondern zum eigentlichen Beobachtungsort. Während draußen Südspitzbergen vorbeizieht, entsteht an Bord eine ruhigere, fast nachdenkliche Atmosphäre. Auch die Annehmlichkeiten des Schiffes werden intensiver genutzt. So haben die Jacuzzis und die Sauna mehr Zulauf und auch die Bibliothek und das Observation-Deck sind besser besucht als sonst.

Unser Blick richtet sich zunehmend auf den kommenden Tag. Morgen soll es in den Van Mijenfjord gehen. Der Van Mijenfjord ist mit rund 83 Kilometern Länge der drittlängste Fjord des Spitzbergen-Archipels. Er liegt im Süden der Hauptinsel Spitzbergen, zwischen Nordenskiöld Land im Norden und Nathorst Land im Süden. Vom westlich gelegenen Bellsund wird er durch die schmale Insel Akseløya und die kleine Mariaholmen getrennt. Dadurch wirkt der Fjord fast wie ein eigenes, geschütztes Binnenmeer innerhalb der arktischen Fjordlandschaft.

Am Nordufer liegt die ehemalige Bergbausiedlung Sveagruva, einst einer der wichtigsten Orte des norwegischen Kohlebergbaus auf Spitzbergen. Wie so oft auf dieser Reise verbinden sich auch hier Natur und Kulturgeschichte: Fjorde, Berge und Gletscher auf der einen Seite, menschliche Spuren, Bergbau und arktische Arbeitswelten auf der anderen. Noch wissen wir nicht, welche Anlandung möglich sein wird und was genau uns erwartet. Aber die Beschreibungen wecken Vorfreude.

Beim täglichen Rückblick ordnet das Expeditionsteam den vergangenen Tag ein. Die ausgefallene Wanderung wird erklärt, die Sicherheitsentscheidung nachvollziehbar gemacht, der Brückenbesuch noch einmal aufgegriffen und der Kurs für die kommenden Stunden besprochen.

Nach dem Abendessen klingt der Tag langsam aus. Und wir sind bereit für das nächste Abenteuer.

04. Juli 2026 – Belugas, Recherchebreen, Bamsebu und eine „sleepy beauty“ am Abend

Diesen Vormittag erwischt uns das Beluga-Fieber. Gewohnt pünktlich um 7:00 Uhr werden wir von unserem Expeditionsleiter Mario geweckt. Sein charmantes „Good morning … good morning …“ gehört inzwischen fast schon zum festen Bordritual auf der Ocean Albatros. Normalerweise lauschen wir noch etwas verschlafen dem angekündigten Tagesprogramm, wägen innerlich ab, wie schnell wir aufstehen müssen, und überlegen, ob zuerst Kaffee, warme Kleidung oder Kamera Vorrang hat. Doch heute ist alles anders. Denn am Ende der Durchsage fällt ein kleiner Beisatz, der sofort Wirkung zeigt: Belugas gesichtet. Wer bis dahin noch nicht in seine Outdoor-Montur geschlüpft ist, tut dies spätestens jetzt mit deutlich mehr Elan. Plötzlich ist niemand mehr müde. Auf den Außendecks sammeln sich die ersten Gäste und richten ihre Blicke aufs Wasser. Nur wenige können tatsächlich von einer Sichtung berichten. Belugas sind zwar durch ihre helle Farbe auffällig, aber im Wasser oft überraschend schwer zu entdecken. Mal zeigt sich nur ein heller Rücken, mal eine kurze Bewegung direkt unter der Oberfläche, dann verschwinden sie wieder zwischen Lichtreflexen und kleinen Wellen. Doch allein die Aussicht, dass sie in der Nähe sind, reicht aus, um die Stimmung an Bord vollständig zu verändern.

Viele von uns essen ihr Frühstück heute mit einem Auge auf dem Teller und dem anderen auf dem Fjord. Kaffee, Brot, Obst und warme Speisen müssen sich die Aufmerksamkeit mit dem Meer teilen. Immer wieder geht der Blick hinaus. Vielleicht taucht dort wieder ein heller Rücken auf. Vielleicht ist es nur eine Welle. Vielleicht doch ein Beluga.

Belugas werden wegen ihrer außergewöhnlich vielfältigen Laute häufig die „Kanarienvögel der Meere“ genannt. Sie kommunizieren mit Pfiffen, Quietschen, Klicklauten, Zwitschern und anderen Tönen. Eine besonders schöne Anekdote dazu ist die Geschichte des Belugas NOC. In einer Forschungseinrichtung in San Diego gab dieser Wal eines Tages Geräusche von sich, die so stark an menschliche Stimmen erinnerten, dass ein Taucher unter Wasser glaubte, jemand habe ihn angesprochen. Erst später wird klar: Die vermeintliche Stimme kommt von NOC selbst. Wissenschaftler nahmen seine Laute auf und zeigten, dass der Beluga offenbar menschliche Sprachmuster nachahmte. Ein eindrucksvolles Beispiel für die Lernfähigkeit und akustische Vielfalt dieser außergewöhnlichen Wale.

Auftritt der Belugas

Eine Unterhaltung ist uns heute auf unserem Ausflug mit den Zodiacs zum Recherchebreen zwar nicht vergönnt. Aber eins sei vorweg schon berichtet, Begegnungen mit Belugas bekommen wir dennoch.  Vor uns liegt der Recherchebreen, ein mächtiger Gletscher im Süden Spitzbergens. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein ruhender Riese. Eine gewaltige Eismasse, scheinbar unbeweglich, breit und schwer in die Landschaft gelegt. Doch dieser Eindruck täuscht. Unser Expeditionsguide erklärt uns, dass der Recherchebreen zu den sogenannten Surge-Gletschern gehört. Das sind Gletscher, die über lange Zeit nahezu unauffällig erscheinen können, bevor sie innerhalb weniger Monate plötzlich deutlich schneller talwärts fließen. Die jüngste dieser seltenen Aktivphasen wurde zwischen 2018 und 2020 mithilfe von Satellitenaufnahmen dokumentiert. Mit diesem Wissen betrachten wir das Eis anders. Risse, Schmutzbänder, Abbruchkanten und Treibeisstücke erzählen plötzlich von Bewegung.

Die Eislandschaft um den Recherchebreen wirkt rau und zugleich unglaublich fein. Kleine Eisschollen treiben in der Lagune. Manche sind milchig weiß, andere leuchten blau, wieder andere sind von Sedimenten grau gezeichnet. Zwischen ihnen spiegeln sich Berge, Wolken und Sonne im Wasser. Immer wieder verändert sich die Farbe, je nachdem, ob das Licht frei auf das Eis fällt oder durch Wolken gedämpft wird.

Dann der große Auftritt der Wale. Jede helle Bewegung, jede Atemspur und jede kleine Welle wird akribisch verfolgt. Einige Boote kommen den Belugas deutlich näher als andere. Unser Zodiac dreht bewusst etwas ab, denn die Tiere sollen nicht bedrängt werden. Die Boote verteilen sich in der Meereslagune, halten Abstand und lassen den Walen Raum.

Gerade diese Zurückhaltung macht die Begegnung besonders. Wir schauen nicht auf eine Attraktion, sondern auf wilde Tiere in ihrem Lebensraum. Mehrfach sehen auch wir die hellen Körper der Belugas im Wasser. Mal taucht ein Rücken auf, mal gleitet ein Tier knapp unter der Oberfläche dahin. Ihre Bewegungen wirken sanft, fast verspielt, und trotzdem bleibt alles flüchtig. Sie bieten keinen langen Auftritt, doch allein diese kurzen Momente, ziehen sofort alle Aufmerksamkeit auf sich.

Wir von Eisexpeditionen.de beraten Sie gerne zu Reisen mit der Ocean Albatros von Polar Latitudes Expeditions.

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