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Als wir am Morgen die Vorhänge öffnen, liegt eine klare, beinahe feierliche Stimmung über dem Kongsfjord.
Das schöne Wetter hält auch heute Wort. Die Berge zeichnen sich deutlich gegen den hellen Himmel ab, Schneefelder leuchten an den Hängen, und das Schiff zieht elegant kleine Wellen hinter sich her. Während der arktischen „Nacht“ brachte uns die Ocean Albatros entlang der Westküste Spitzbergens nach Norden und in die Region des Kongsfjords, die von Gletschern und den markanten Bergen der Tre Kroner eingerahmt wird. Bekannt sind die drei markanten Berggipfel Svea, Dana und Nora als Darstellung der drei Kronen der Königshäuser (Schweden, Dänemark, Norwegen) und der Name soll die skandinavische Einheit ehren. Genau hier sieht die geplante Route von Polar Latitudes Expeditions unseren ersten vollständigen Expeditionstag vor.
Viele Gäste sind bereits früh auf den Beinen. Einige zieht es mit Kameras und Ferngläsern auf das Observation Deck. Und das nicht ohne Grund. Das Licht ist am Morgen besonders weich, und jede Veränderung der Perspektive eröffnet ein neues Motiv: dunkle Felsen, weiße Schneebänder, das tiefe Blau des Fjords und dazwischen die Ocean Albatros, die ruhig durch diese gewaltige Landschaft gleitet. Noch ist kaum Wind zu spüren. Die arktische Weite scheint den Tag verheißungsvoll einzuläuten.
Andere verfolgen eine nicht weniger kluge Strategie und sichern sich rechtzeitig einen Fensterplatz im Restaurant. Zwischen 7:00 Uhr und 8:30 Uhr wird das Frühstück serviert. Bei einem herrlichen Schluck Kaffee oder Tee und dem Blick auf die vorbeiziehende Küste lässt sich kaum entscheiden, was wichtiger ist: der Teller oder das Geschehen draußen. Immer wieder wandern die Blicke hinaus. Vielleicht erscheint irgendwo ein Wal, eine Robbe oder sogar der erste Eisbär der Reise.
Für Letzteren braucht es allerdings nicht nur Glück, sondern auch klare Regeln. Und diese sollten uns direkt nach dem Frühstück vermittelt werden. Um 9:00 Uhr beginnt die verpflichtende Einweisung für alle Gäste. Heute geht es nicht allein um unsere eigene Sicherheit, sondern ebenso um den Schutz der empfindlichen arktischen Natur und ihrer tierischen Bewohner. Das Expeditionsteam erklärt, wie wir uns bei Anlandungen verhalten, weshalb wir den Anweisungen der Guides jederzeit folgen müssen und warum in dieser Umgebung selbst kleine Unachtsamkeiten Folgen haben können. Mit anderen Worten, wir bleiben während der Ausflüge in unseren Gruppen, entfernen uns nicht eigenständig und halten Abstand zu Tieren. Pflanzen werden nicht betreten, Nester und Brutplätze weiträumig umgangen, Kadaver nicht angefasst, um Krankheiten nicht zu verbreiten und historische Überreste selbstverständlich nicht berührt. In Ny-Ålesund gelten zusätzlich besondere Regeln, weil laufende wissenschaftliche Messungen nicht gestört werden dürfen. Besucher sollen sich deshalb auf den Straßen und markierten Wegen bewegen und Forschungsinstrumente ebenso unangetastet lassen wie die zahlreichen geschützten Kulturdenkmäler.
Besondere Aufmerksamkeit erhält natürlich wie eingangs erwähnt das Thema Eisbären. Viele Gäste hoffen bereits sehnsüchtig auf eine Sichtung des Königs der Arktis. Gleichzeitig macht das Expeditionsteam deutlich, dass ein Eisbär kein Fotomodell ist, sondern ein schneller, neugieriger und potenziell gefährlicher Spitzenprädator. Die Guides prüfen deshalb vor jeder Anlandung das Gelände und sichern unsere Gruppen von jeweils bis zu 40 Gästen während der gesamten Zeit an Land. Sollte sich ein Eisbär nähern, bestimmen die Guides ohne Diskussion das weitere Vorgehen.
Die Aussicht auf eine Sichtung verliert dadurch keineswegs ihren Zauber. Im Gegenteil, denn wir verstehen nun noch besser, weshalb jede Begegnung aus sicherer Entfernung stattfinden muss und warum Rücksichtnahme in der Arktis keine Einschränkung, sondern die Grundlage eines verantwortungsvollen Naturerlebnisses ist.
Auch die Biosecurity gehört zu dieser Vorbereitung. Erde, Pflanzenteile oder Samen, die unbemerkt an Kleidung und Ausrüstung haften, dürfen nicht von einer Region in die nächste verschleppt werden. Unsere Stiefel werden deshalb nach jedem Landgang gründlich gereinigt. Eine einzelne fremde Pflanze könnte in einem so empfindlichen Ökosystem langfristig mehr verändern, als man zunächst vermutet.
Nach der Einweisung verteilen wir uns wieder auf dem Schiff. Einige kehren nach draußen zurück, andere nutzen die Zeit für einen leckeren Cookie auf Deck 8 oder beginnen, sich mit dem Expeditionsalltag an Bord vertraut zu machen. Der Kongsfjord begleitet uns dabei als ständig wechselnde Panoramakulisse.
Gegen Mittag wartet im sogenannten Mudroom der nächste wichtige Programmpunkt: die Anprobe unserer Expeditionsstiefel. Der Mudroom wird in den kommenden Tagen zu einem zentralen Ort unseres Bordlebens. Hier befinden sich die persönlichen Schließfächer, Schwimmwesten und Stiefel, hier ziehen wir uns vor Anlandungen um und hier kehren wir später mit teils nasser Ausrüstung zurück.
Später dürfen wir Ny-Ålesund trockenen Fußes betreten. Die Ocean Albatros kann dort am Kai liegen, sodass wir keine nasse Zodiacanlandung bewältigen müssen. Trotzdem muss jeder Gast ein gut passendes Paar Stiefel erhalten. Schließlich wissen wir noch nicht, welche Strände, Tundraflächen oder schlammigen Ufer die kommenden Tage für uns bereithalten. Reihenweise schlüpfen wir also in die robusten Stiefel, prüfen Zehenfreiheit und Fersensitz und laufen probeweise einige Schritte durch den Raum. Manch einer erwartet schwere und unnachgiebige Gummistiefel und ist entsprechend überrascht: Diese Modelle sind warm, stabil und erstaunlich bequem. Einige Größen werden noch getauscht, dickere Socken ausprobiert und Passformen verglichen. Bald steht jeder sicher in seinem Paar.
Nach so viel Theorie und Ausrüstung kommt das Mittagsbuffet gerade recht. Wir treffen uns wieder im Restaurant. Die Auswahl ist groß genug, um sich für den bevorstehenden Landgang zu stärken, ohne allzu schwer in den Nachmittag zu starten. Draußen liegt inzwischen unser Ziel vor uns: Ny-Ålesund auf knapp 79 Grad Nord.
Je nach Gruppeneinteilung beginnt unser Landgang gegen 14:00 Uhr. Als wir die Ocean Albatros verlassen, betreten wir keinen gewöhnlichen Ort. Ny-Ålesund ist eine der nördlichsten ganzjährig betriebenen Forschungsgemeinschaften der Erde. Die Siedlung liegt am Südufer des Kongsfjords, mehr als 100 Kilometer nördlich von Longyearbyen, und bietet Forschenden unmittelbaren Zugang zu einem natürlichen hocharktischen Labor. Mehr als 20 Institutionen sind hier an langfristigen Forschungs- und Umweltbeobachtungsprogrammen beteiligt.
Auf den ersten Blick wirkt Ny-Ålesund klein und beinahe still. Bunte Holzhäuser stehen zwischen breiten Schotterwegen, niedriger Tundra und Überresten aus der Bergbauzeit. Dahinter steigen die Berge auf, und über dem Kongsfjord liegen Gletscher, deren helle Flächen weit in die Landschaft hineinreichen.
Doch die Ruhe täuscht. Hinter zahlreichen Türen laufen Messreihen, werden Proben ausgewertet und internationale Forschungsprojekte koordiniert. Ny-Ålesund ist kein Museumsdorf, sondern ein lebendiger Arbeitsplatz. Wir bewegen uns daher aufmerksam und respektvoll durch einen Ort, an dem nahezu alles einen wissenschaftlichen oder historischen Zweck erfüllt.
Unsere Guides führen uns durch die Siedlung und erzählen von ihrer Entwicklung. Die Geschichte Ny-Ålesunds beginnt als Bergbaustandort. Kohle bildete über Jahrzehnte die wirtschaftliche Grundlage des Ortes, doch der Abbau war gefährlich. Nach mehreren schweren Unglücken endete die Bergbaugeschichte infolge der Katastrophe vom 05. November 1962, bei der 21 Bergleute ums Leben kamen. Bereits kurz darauf begann die Umwandlung des Ortes in eine internationale Forschungsstation. Seit den 1960er-Jahren stehen arktische Forschung und Umweltbeobachtung im Mittelpunkt.
Spuren der Vergangenheit sind überall zu erkennen. Alte Loren, technische Anlagen, Werkstätten und historische Gebäude erinnern daran, dass hier einst Familien lebten, Kinder zur Schule gingen und Männer unter schwierigsten Bedingungen in den Minen arbeiteten. Ny-Ålesund wurde während des Zweiten Weltkriegs nicht wie viele andere Siedlungen auf Spitzbergen niedergebrannt. Dadurch ist ein außergewöhnlich großes Ensemble historischer Gebäude und Kulturdenkmäler erhalten geblieben.
Nur wenige hundert Meter außerhalb der eigentlichen Siedlung erhebt sich ein schlanker, historischer Metallmast über die Tundra. Auf den ersten Blick wirkt er beinahe unscheinbar. Doch kaum ein Bauwerk auf Spitzbergen ist so eng mit der Geschichte der Polarforschung verbunden.
An diesem Mast wurde 1926 das Luftschiff Norge festgemacht. Von Ny-Ålesund aus starteten der norwegische Polarforscher Roald Amundsen, der amerikanische Finanzier und Abenteurer Lincoln Ellsworth und der italienische Luftschiffkonstrukteur Umberto Nobile gemeinsam in Richtung Nordpol. Die Norge überflog den geografischen Nordpol und setzte ihre Fahrt anschließend bis nach Alaska fort. Diese Reise gilt als erste zweifelsfrei bestätigte Überquerung des Nordpols aus der Luft.
Zwei Jahre später startete Umberto Nobile von demselben Ort mit dem Luftschiff Italia erneut nach Norden. Als Architekt des Luftschiffes sah er sich und Italien bei der ersten Expedition zu wenig gewürdigt. Der Nordpol wurde von ihm und seinem Team erreicht, doch auf dem Rückweg geriet die Expedition in eine Katastrophe. Das Luftschiff stürzte auf das Packeis und die Überlebenden mussten wochenlang auf Rettung warten. Eine internationale Suchaktion begann.
Auch Roald Amundsen beteiligte sich an der Rettungsmission. Sein Flugzeug verschwand jedoch auf dem Weg von Tromsø in Richtung Spitzbergen. Weder Amundsen noch die übrigen Insassen wurden je gefunden. So ist der Mast nicht nur ein Symbol für technischen Mut und Entdeckergeist, sondern ebenso für die Risiken und Tragödien der frühen Polarfahrt.
Wenn wir heute vor diesem filigranen Metallgerüst stehen, fällt es schwer, sich die Dimension des Luftschiffs vorzustellen, das hier einst vertäut lag. Die Berge rahmen einen Ort ein, an dem vor genau einem Jahrhundert Expeditionsgeschichte geschrieben wurde.
Heute steht Ny-Ålesund für eine andere Form des Pioniergeistes. Es geht nicht mehr darum, einen weißen Fleck auf einer Landkarte zu erreichen oder als Erster eine Route zu bewältigen. Stattdessen versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu verstehen, wie sich die Arktis verändert. Auch Deutschland ist hier vertreten. Das Alfred-Wegener-Institut betreibt gemeinsam mit dem französischen Polarinstitut IPEV die deutsch-französische Forschungsbasis AWIPEV. Im Mittelpunkt stehen unter anderem Veränderungen der Atmosphäre, der Gletscher und des Permafrosts sowie die Reaktion mariner Organismen auf steigende Wassertemperaturen und die zunehmende Versauerung der Ozeane.
Zwischen dem historischen Ankermast, den Überresten des Bergbaus und modernsten Messanlagen wird deutlich, wie eng die Vergangenheit und Gegenwart der Arktis miteinander verbunden sind. Doch Ny-Ålesund beeindruckt uns heute keineswegs nur durch seine Geschichte. Auch die Natur zeigt sich von einer zauberhaften Seite. Zwischen den Gebäuden und auf den Tundraflächen entdecken wir immer wieder kleine Pflanzen, die den kurzen arktischen Sommer nutzen. Sie wachsen dicht am Boden, geschützt vor dem Wind und nahe an der Wärme, die sich zwischen Steinen und dunkler Erde sammelt. Die Blüten wirken vor der kargen Kulisse beinahe zerbrechlich, sind in Wahrheit jedoch Spezialisten, die Frost, Wind und eine sehr kurze Vegetationsperiode überstehen.
Ein Spitzbergen-Rentier bewegt sich weiter entfernt gemächlich durch die Umgebung. Es ruht auf der Schneeebene und lässt sich durch die menschliche Aktivität im Ort kaum aus der Ruhe bringen. Auch mehrere Gänsefamilien sind unterwegs. Die Altvögel führen ihren Nachwuchs über den Strand und beobachten ihre Umgebung aufmerksam. Jeder Schritt will gut gewählt sein, denn in dieser Zeit sind die Küken besonders verletzlich. Wir bleiben auf den Wegen und geben den Gänsefamilien ausreichend Raum. Rund um Ny-Ålesund werden seit vielen Jahren unter anderem Weißwangengänse wissenschaftlich untersucht, markiert und über längere Zeiträume beobachtet.
Im Wasser, nahe des Schiffes zeigt sich eine Robbe. Mal ragt nur ein runder Kopf aus dem Fjord, mal sehen wir einen dunklen, fleckigen Rücken, bevor das Tier wieder unter der Wasseroberfläche verschwindet. Dann richtet sich unsere Aufmerksamkeit noch weiter hinaus in den Fjord. In einiger Entfernung tauchen Zwergwale auf. Zunächst ist nur ein Blas zu erkennen, dann für wenige Augenblicke der gebogene Rücken eines Tieres. Die Entfernung lässt keine ausgiebige Beobachtung zu, doch allein die Gewissheit, dass sich dort draußen große Meeressäuger durch den Fjord bewegen, sorgt für Begeisterung.
Je nach Gruppe kehren wir nach und nach zur Ocean Albatros zurück. Und ohne anmaßend sein zu wollen: Vermutlich kommt heute jeder von uns ein wenig schlauer wieder an Bord. Wir wissen nun, weshalb Ny-Ålesund weit mehr ist als eine kleine Ansammlung bunter Häuser. Wir kennen die Verbindung zu Amundsen, Ellsworth und Nobile, haben vom dramatischen Ende des Bergbaus erfahren und einen Einblick in die moderne internationale Arktisforschung erhalten. Gleichzeitig begleiten uns Bilder von Rentieren, Gänsefamilien, Robben und den fernen Walen zurück zum Schiff.
Rund um die Kirche zeigt sich zugleich, wie nah sich Siedlung und Wildnis in Longyearbyen kommen. Einige Gäste treffen hier bereits auf die ersten tierischen Bewohner der Arktis. Mehrere Spitzbergen-Rentiere ziehen über die karge Tundra zwischen Kirche und Häusern. Mit ihren kurzen Beinen, dem gedrungenen Körperbau und dem dichten Fell unterscheiden sie sich deutlich von den Rentieren des skandinavischen Festlandes. Sie sind hervorragend an die harten Bedingungen des Archipels angepasst und lassen sich von den Besuchern kaum aus der Ruhe bringen. Ich schreibe bewusst „kaum“, da sich ein Tier unerwartet und doch recht schnell aus der scheinbar umringten Situation begeben will und plötzlich schnellen Hufes so manchen Fotografen überrascht.
Schließlich sorgt ein Polarfuchs für große Begeisterung. Er bewegt sich aufmerksam durch die Umgebung und ist in seinem sommerlichen, graubraunen Fell zwischen Steinen, Erde und schneefreien Flächen erstaunlich gut getarnt. Nur wer genau hinsieht, entdeckt den kleinen Bewohner der Tundra. Der Polarfuchs wirkt zierlich, doch seine Anpassungsfähigkeit ist beeindruckend. Im Winter schützt ihn ein dichtes, meist weißes Fell vor Kälte und Schnee, welches wie wir später erfahren sollen ein begehrtes Jagdmotiv für Trapper darstellte. Während des kurzen arktischen Sommers trägt der Fuchs, wie der kleine flinke Jäger, den wir treffen durften, hingegen ein dunkleres Fell, das ihn in der felsigen Landschaft nahezu verschwinden lässt.
Auch aus der Luft ist Leben zu hören. Kleine Vögel fliegen über die Tundra und lassen ihre Stimmen erklingen. Schneeammern, die einzigen Singvögel, die regelmäßig auf Spitzbergen brüten, lassen uns aufhorchen. Nach dem langen Winter kehren sie in den hohen Norden zurück und nutzen Felsspalten, Gebäude und geschützte Nischen als Brutplätze. Wir erkennen sogar welche unter den auf Stelzen platzierten Wohngebäuden. Ihr heller Gesang wirkt in der baumlosen Landschaft beinahe wie ein kleines arktisches Sommerwunder.
Noch bevor unsere eigentliche Expedition beginnt, sind einige Gäste somit bereits Rentieren, einem Polarfuchs, arktischen Singvögeln und den vierbeinigen Bewohnern des Café Huskies begegnet. Longyearbyen macht uns schnell deutlich, dass Naturbeobachtungen hier nicht erst außerhalb der Siedlung beginnen.
Wer durch die ruhigeren Straßen spaziert, entdeckt den besonderen Charme des Ortes abseits der touristischen Wege. Longyearbyen wirkt nicht herausgeputzt oder künstlich inszeniert. Gerade die Mischung aus den bunten Wohnhäusern und unmittelbarer Wildnis verleiht der Siedlung ihren unverwechselbaren Charakter.
Um 18:30 Uhr versammeln wir uns zum Captain’s Welcome Cocktail. Nach dem geschäftigen Einschiffungstag gestern ist dies der offizielle festliche Auftakt unserer Reise. Der Kapitän begrüßt uns an Bord und stellt einige der leitenden Offiziere sowie Mitglieder des Expeditionsteams vor.
Die Stimmung ist gelöst. Gläser werden erhoben und Erwartungen für die bevorstehende Route formuliert. Vor uns liegen die Küsten Nordwestspitzbergens und – sofern Wetter und Eis es zulassen – später die nördlichen Packeisgebiete, der Nordosten und die abgelegenen Landschaften im Osten und Süden des Archipels. Der offizielle Routenplan bietet eine Richtung, doch die Arktis behält das letzte Wort.
Nach dem Empfang gehen wir gemeinsam zum Abendessen. Heute erwartet uns erstmals das reguläre À-la-carte-Menü. Jeder findet etwas nach seinem Geschmack, und schon bald füllen sich die Tische mit Tellern, Gläsern und lebhaften Gesprächen.
Nach diesem langen Tag werden wir vermutlich alle gut schlafen. Ny-Ålesund liegt hinter uns, doch die Geschichten reisen mit. Und während wir langsam zur Ruhe kommen, wartet vor dem Bug bereits der nächste arktische Tag.
Leicht fällt das Aufstehen heute vermutlich nur den wenigsten. Die vergangenen Tage sind voller neuer Eindrücke gewesen, und der ungewohnte Rhythmus unter der Mitternachtssonne beginnt sich bemerkbar zu machen. Wenn es draußen niemals richtig dunkel wird, fällt es erstaunlich schwer, dem Körper glaubhaft zu vermitteln, dass irgendwann Schlafenszeit ist. Doch die Arktis will entdeckt werden und schlafen können wir wieder zuhause. Zwischen 7:00 Uhr und 8:30 Uhr wartet das Frühstück, und spätestens der verlockende Duft bringt auch die müderen Reisenden langsam wieder in Bewegung. Die Fensterplätze sind erneut besonders begehrt, denn draußen verheißt das schöne Wetter einen weiteren eindrucksvollen Expeditionstag. Und so langsam hat es sich auch herumgesprochen, dass nicht nur auf Deck 5 Frühstück serviert wird, sondern auch auf Deck 8.
Die Landschaft hat sich seit gestern deutlich verändert. Nun befinden wir uns an der Westküste von Nordaustlandet, der zweitgrößten Insel des Spitzbergen-Archipels. Rund 80 Prozent ihrer Fläche sind vergletschert und vor allem die beiden gewaltigen Eiskappen Austfonna und Vestfonna beherrschen das Bild. Offene, steinige Polarwüsten, breite Fjorde und mächtige Eisflächen verleihen Nordaustlandet einen deutlich raueren Charakter als viele andere Regionen Westspitzbergens.
Spätestens als es mit den Zodiacs hinaus nach Kinnvika geht, heißt es Morgenmüdigkeit ade. Zunächst werden die Gäste der blauen und grünen Gruppe in den Mudroom gerufen. Inzwischen kennen wir den Ablauf bereits: warme Kleidung anziehen, Rettungsweste anlegen, Stiefel kontrollieren und darauf achten, dass Kamera, Fernglas und Handschuhe sicher verstaut sind. Danach geht es über die seitliche Einstiegspforte hinunter zu den wartenden Zodiacs.
Während die ersten Gruppen bereits unterwegs sind, bleiben die Gäste der roten und gelben Gruppe noch an Bord. Doch auch für sie entsteht keine Leerlaufzeit. Die Bordfotografin Alex, die sich selbst mit sichtlichem Vergnügen als die „Bord-Paparazzi“ bezeichnet, lädt zu einem kleinen Vortrag über die Fotografie in den Polarregionen ein.
In der Arktis stellt uns das Licht vor besondere Herausforderungen. Große weiße Flächen, dunkle Felsen und das reflektierende Wasser erzeugen starke Kontraste. Tiere können innerhalb weniger Sekunden auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden. Wer zu lange nach der perfekten Kameraeinstellung sucht, hat den besonderen Moment manchmal bereits verpasst.
Alex erklärt anschaulich, wie sich Landschaften, Eis und Tiere wirkungsvoll festhalten lassen. Doch mindestens ebenso wichtig ist ihre unausgesprochene Botschaft. Die Kamera darf uns begleiten, aber sie sollte nicht den gesamten Blick auf diese außergewöhnliche Welt verstellen. Manchmal ist die beste Erinnerung jene, die nicht ausschließlich auf einer Speicherkarte landet.
Gegen 10:30 Uhr heißt es schließlich auch für die rote und gelbe Gruppe, ab in den Mudroom. Stiefel an, Rettungswesten schließen, Kameras sichern und dann geht es hinaus mit dem Zodiac nach Kinnvika. Das Zodiac hebt sich über kleinere Wellen, setzt wieder auf und zieht eine weiße Spur durch das dunkle Wasser. Von unserer niedrigen Position aus wirkt die Landschaft noch größer als vom Deck der Ocean Albatros.
Die frische Luft erreicht uns dabei nicht nur in Form einer sanften arktischen Brise. Sobald die Boote Fahrt aufnehmen, weht uns der Wind kräftig um die Nase. Vor uns öffnet sich der Murchisonfjorden, ein stark gegliedertes Fjordsystem im Westen Nordaustlandets. Zwischen flachen Inseln, felsigen Landzungen und geschützten Buchten finden sich hier Spuren ganz unterschiedlicher Epochen. Unser Ziel Kinnvika liegt in einer vergleichsweise gut geschützten Bucht am nördlichen Rand des Fjords. Auf den ersten Blick wirkt die Umgebung nahezu menschenleer. Niedrige, silbergraue Gebäude verteilen sich über die steinige Fläche und fügen sich so unauffällig in die Landschaft ein, dass man sie aus der Entfernung beinahe übersehen könnte.
Als wir näherkommen, erkennen wir, dass hier weit mehr steht als eine einzelne alte Hütte. Kinnvika ist ein vollständiger Forschungsaußenposten, verlassen, aber noch immer erstaunlich gut erhalten: Ein Forschungsdorf aus den 1950er-Jahren.
Die Station entstand im Rahmen des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58. Diese weltweite wissenschaftliche Initiative bringt Forschende verschiedener Nationen zusammen, um geophysikalische Vorgänge von der Atmosphäre bis zu den Polarregionen koordiniert zu untersuchen. Eine schwedisch-finnische Expedition errichtete in Kinnvika insgesamt zehn Gebäude. Dazu gehören Wohn- und Arbeitsräume, technische Einrichtungen und – ausgesprochen skandinavisch – eine Sauna, die bereits im Sommer 1957 zu den ersten fertiggestellten Gebäuden gehörte.
Die einzelnen Häuser stehen mit deutlichem Abstand zueinander über das Gelände verteilt. In einer Region, in der Baumaterial, Ersatzteile und Löschwasser nur begrenzt zur Verfügung stehen, könnte ein Brand eine gesamte Forschungsstation vernichten. Durch die großzügige Anordnung sollte verhindert werden, dass ein Feuer unmittelbar von einem Gebäude auf das nächste übergreift.
Wir bewegen uns respektvoll zwischen den alten Gebäuden. Alles, was hier liegt, gehört zur Geschichte des Ortes. Die Hütten, Einrichtungsgegenstände und technischen Relikte stehen heute unter Schutz und dürfen selbstverständlich weder bewegt noch mitgenommen werden.
Vor einer der Stationseinrichtungen steht noch immer ein altes Ketten- beziehungsweise Amphibienfahrzeug. Doch die Geräusche der Vergangenheit sind längst verstummt. Heute hören wir nur unsere Schritte auf dem steinigen Boden, den Wind und gelegentlich die Stimmen der Guides.
Die Geschichte Kinnvikas endete nicht mit dem Geophysikalischen Jahr. Auch in späteren Jahrzehnten nutzten Forschende die Gebäude wiederholt als Ausgangspunkt für Arbeiten auf Nordaustlandet und der nahe gelegenen Vestfonna. Eine besonders außergewöhnliche Episode begann im Sommer 2002. Der deutsche Physiker und frühere Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg Hauke Trinks zog gemeinsam mit der Engländerin Marie Tièche nach Kinnvika. Von Juli 2002 bis August 2003 verbrachten sie mehr als ein Jahr in dieser Abgeschiedenheit.
Trinks untersuchte Eis als möglichen Reaktionsraum bei der Entstehung früher Lebensbausteine. Der wissenschaftliche Alltag war dabei eng mit dem täglichen Überleben verbunden. Wenn wir heute zwischen den Hütten stehen, können wir uns kaum vorstellen, wie sich dieser Ort während der monatelangen Polarnacht anfühlt. Im Winter verschwindet die Sonne für Monate, Stürme ziehen über das Land, und jede Reise außerhalb der Station wurde zu einer logistischen Herausforderung.
Auch während des Internationalen Polarjahres 2007/08 rückte Kinnvika erneut in den Mittelpunkt der Forschung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zehn Ländern verwendeten die alte Station als logistische Plattform für ein internationales Projekt über die Erwärmung der Arktis und ihre Folgen. Die Arbeiten umfassten verschiedene Disziplinen – von der Atmosphäre und Geologie bis zur Gletscherforschung. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Vestfonna. Forschende untersuchten Aufbau, Bewegung, Massenbilanz und klimatische Entwicklung der Eiskappe. Die alte Station aus den 1950er-Jahren wurde somit erneut zu einem Ausgangspunkt moderner Klimaforschung. Kinnvika verbindet die unterschiedlichen Epochen der Polarforschung beinahe ideal. Die groß angelegte wissenschaftliche Zusammenarbeit der Nachkriegszeit, einzelne Überwinterungsexperimente und die internationale Klimaforschung des 21. Jahrhunderts an einem Ort.
So interessant die Forschungsgeschichte auch ist: Viele Gäste empfinden den heutigen Tag vor allem aus einem anderen Grund als den eigentlichen Beginn unserer Arktisexpedition. Endlich sehen wir richtiges Eis. Es sind nicht mehr nur einzelne Schneefelder an entfernten Berghängen. Vor uns liegt eine Landschaft, die sichtbar vom Gletschereis geformt und beherrscht wird. Kleine Eisstücke treiben auf dem Wasser und größere Brocken schimmern weiß, blau und stellenweise transparent. Für einige Gäste erfüllt sich damit in diesem Moment genau die Vorstellung, die sie mit einer Reise nach Spitzbergen verbinden: mit einem kleinen Zodiac durch kaltes arktisches Wasser zu fahren, während am Horizont eine nahezu endlose Eisfläche beginnt.
Andere denken bereits einen Schritt weiter und entwickeln einen ausgesprochen wichtigen Plan für den Abend. Der Auftrag lautet frisches Gletschereis für den Whisky in der Observation Lounge zu organisieren. Quasi ein Stück Vestfonna für den genussvollen Abend.
Auf dem Weg über das Wasser halten wir und unser Expeditionsguide folglich nach einem geeigneten Stück Eis Ausschau. Zwischen den Booten treiben viele kleinere geeignete Brocken, die sich vorsichtig aus dem Wasser aufnehmen lassen. Natürlich soll daraus keine groß angelegte Eisernte werden. Ein einzelnes Stück genügt, um aus dem abendlichen Whisky ein standesgemäßes Arktisgetränk zu machen.
Als wir das Eis aus der Nähe betrachten, fällt zudem seine ungewöhnliche Struktur auf. Die Oberfläche ist nicht glatt, sondern von vielen kleinen Vertiefungen und Rundungen übersät. Manche Stücke erinnern tatsächlich an die Oberfläche eines überdimensionalen Golfballs. Solche muldenförmigen Strukturen werden als Eisschuppen oder „scallops“ bezeichnet. Sie können entstehen, wenn Wasser turbulent an einer Eisfläche entlangströmt und das Eis nicht überall gleichmäßig abschmilzt. Kleine Unebenheiten beeinflussen die Strömung, diese verändert wiederum die Schmelzgeschwindigkeit und nach und nach bildet sich das typische Muster aus Vertiefungen und dazwischenliegenden Kanten.
Und siehe da, plötzlich ist ein Stück Eis nicht mehr nur gefrorenes Wasser. Es trägt eingeschlossene Luftbläschen, Schmelzspuren und die sichtbaren Folgen seiner Reise vom Gletscher in den Fjord in sich.
Nachmittags dürfen wir erneut auf Zodiac-Tour gehen. Das Ziel: Gimlebreen, ein Auslassgletscher der großen Vestfonna. Er liegt im südwestlichen Teil Nordaustlandets, nördlich von Brageneset, nahe der Stelle, an der sich die Gewässer des Wahlenbergfjords zur Hinlopenstraße hin öffnen. Sein Eis stammt aus der gewaltigen Hochfläche und unter dem eigenen Gewicht bewegt es sich langsam Richtung Küste. Aus einer scheinbar unbeweglichen weißen Ebene wird ein fließendes System, das Schnee aus dem Inselinneren über Jahrzehnte und Jahrhunderte zum Meer transportiert.
Von unserem Zodiac aus eröffnet sich ein außergewöhnliches Panorama. Meer, Küste und Eis treffen hier unmittelbar aufeinander. Die dunklen Felsen bilden einen starken Kontrast zu den hellen Gletscherflächen und darüber liegt ein weiter Himmel, dessen Licht die Farben ständig verändert. Manchmal erscheint das Eis reinweiß, wenige Augenblicke später bläulich oder silbergrau. Wir werden stiller, denn es gibt Landschaften, die sich durch Worte erklären lassen, und andere, bei denen jede Beschreibung unzureichend wirkt. Der Gimlebreen gehört heute eindeutig zur zweiten Kategorie. Je länger wir schauen, desto mehr Details treten hervor: Linien im Eis, dunkle Sedimentbänder, kleine Spalten, Schmelzrinnen und die fast unwirkliche Weite der Eiskappe dahinter.
Hier verstehen wir auch, weshalb Nordaustlandet häufig als arktische Polarwüste beschrieben wird. Die Landschaft wirkt streng und auf den ersten Blick beinahe lebensfeindlich. Gerade daraus entsteht ihre besondere Magie.
Beeindruckt von dieser Welt aus Wasser, Stein und Eis machen wir uns auf den Rückweg zur Ocean Albatros. Wieder bekommen wir den Fahrtwind deutlich zu spüren. Dieses Mal scheint er jedoch kaum noch jemanden zu stören. Zu viele Bilder gehen uns durch den Kopf.
Nach der Rückkehr werden erste Bilder auf den Displays betrachtet und Beobachtungen miteinander verglichen. Jeder scheint etwas anderes entdeckt zu haben: eine besondere Struktur im Eis, eine Perspektive auf die Forschungsstation oder einen Moment, in dem sich die Vestfonna besonders eindrucksvoll im Wasser spiegelt. Mit einem ruhigen Nachmittag ist heute trotzdem nicht zu rechnen. Kurz nach unserer Rückkehr wird das nächste Spektakel verkündet: Polar Plunge!
Für manche ist allein der Gedanke, freiwillig in das arktische Wasser zu springen, vollkommen unverständlich. Andere haben genau auf diesen Moment gewartet. Innerhalb kürzester Zeit bildet sich eine Gruppe aus Neugierigen, Wiederholern und jenen, die sich offenbar erst im letzten Augenblick entscheiden wollen. Ich gehöre zu letzteren. Der Weg zum Sprung fühlt sich deutlich länger an als jede bisherige Zodiacfahrt. In Badebekleidung wirkt die Luft plötzlich erheblich kälter als noch wenige Minuten zuvor. Um uns herum versammeln sich zahlreiche mutige Gäste, zu denen sich auch der Kapitän der Ocean Albatros gesellt. Die Kameras sind bereit.
Dann gibt es kein Zurück mehr. Ein letzter Blick auf das Wasser, ein kurzer Atemzug – und hinein. Jeder von uns erlebt den Kontakt mit dem etwa 5°C kalten Wasser unterschiedlich. Für mich scheint für einen Sekundenbruchteil die Zeit stillzustehen. Dann die Erkenntnis, dass sich das Wasser gar nicht so extrem kalt anfühlt. Und mein persönliches kleines Highlight: Ich hatte durch Schnee und Gletscher ganz vergessen, dass der Ozean salzig schmeckt und wurde davon während meines Abtauchens etwas überrascht. Als ich wieder sicheren Boden unter den Füßen habe, wartet bereits ein warmes Handtuch. Applaus und Zurufe begleiten jeden Teilnehmer, und aus dem anfänglichen Zögern wird schnell ausgelassene Begeisterung. Wir tänzeln noch ein wenig an Bord um wieder aufzuwärmen und dann geht es schnell in die Kabine um zurück in warme Gewänder zu schlüpfen.
Am Abend treffen wir uns zum À-la-carte-Dinner und danach zieht es einige von uns in die Observation Lounge. Der Auftrag vom Vormittag wird nun vollendet. Das Stück Gletschereis wird begutachtet, zerteilt und gebührend zum Whisky gereicht. Im Glas knackt das Eis leise. Vielleicht entweicht dabei sogar eingeschlossene Luft, die lange vor unserer Geburt als Schnee auf die Vestfonna gefallen ist. Ob sie tatsächlich Hunderte oder noch mehr Jahre alt ist, können wir selbstverständlich nicht bestimmen. Doch an diesem Abend spielt wissenschaftliche Genauigkeit ausnahmsweise eine untergeordnete Rolle. Denn heute sind wir wirklich in der Arktis angekommen.
Wir von Eisexpeditionen.de beraten Sie gerne zu Reisen mit der Ocean Albatros von Polar Latitudes Expeditions.
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