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Reisetagebuch Gruppenreise Antarktische Halbinsel mit der HANSEATIC spirit Teil 2

Nach den ersten spannenden Tagen an Bord und der eindrucksvollen Anlandung auf Kap Hoorn nahmen wir Kurs auf die Antarktische Halbinsel.

Champagner-Empfang

Bis 1:00 Uhr hatten wir Zeit auf Kap Hoorn, dann rief das letzte Zodiac zurück an Bord. An Deck empfingen uns heiße Tücher und dampfender Tee. Diese kleinen Aufmerksamkeiten des Serviceteams machen den außergewöhnlichen Standard auf der HANSEATIC spirit unmittelbar spürbar. Nur etwa fünf von zehn Anlandeversuchen auf Kap Hoorn gelingen tatsächlich. Die Wetterfenster sind eng, Stürme ziehen schnell auf. Wir hatten unglaubliches Glück, und die Begeisterung der Gäste war entsprechend groß. Nach der Rückkehr fuhren wir zurück in den Beagle-Kanal, um unseren chilenischen Lotsen in Puerto Williams abzusetzen. Damit war die geschützte Gewässerphase beendet und vor uns lag die berüchtigte Drakepassage, das Seegebiet zwischen Kap Hoorn und der Antarktis. Die Drakepassage ist rund 800 Kilometer breit und bis zu 4.800 Meter tief; durch sie fließt der mächtige Antarktische Zirkumpolarstrom, die stärkste Meeresströmung der Welt, was für die berüchtigten Wetterbedingungen sorgt. Die nächsten anderthalb Tage würden zeigen, wie es uns die Drake bescheren würde.

Um 18:30 Uhr organisierten wir für unsere Reisegruppe einen Champagner-Empfang in der Observation Lounge einem der schönsten Räume der HANSEATIC spirit mit ihren großen Panoramafenstern auf das offene Meer. Die Gäste hatten zum ersten Mal ausreichend Zeit, sich in entspannter Atmosphäre gegenseitig kennenzulernen und die Eindrücke des langen Tages bei einem Glas Champagner zu teilen. Als besondere Überraschung ließ sich Kapitän Axel Engeldrum persönlich blicken, beantwortete Fragen über das Schiff und die bevorstehende Route und plauderte herzlich mit den Gästen ein unkomplizierter, menschlicher Moment, der die warme Atmosphäre an Bord auf den Punkt brachte. Am Abend gönnten wir uns mit einer Dame aus unserer Gruppe ein Dinner im Spezialitätenrestaurant L'Esprit. Das Essen war schlicht ein Gedicht von der Qualität der Zutaten bis zur Präsentation auf dem Teller überzeugte das Küchenpersonal auf ganzer Linie. Wir ließen den Abend entspannt ausklingen, während das Schiff schaukelnd durch die Nacht glitt. Draußen waren nur Sterne, das Rauschen der See und das endlose Meer und irgendwo vorne, noch zwei Seetage entfernt, die Antarktis.

Drakepassage

Heute stand der erste volle Seetag in der Drakepassage an. Die See hatte sich nach dem Verlassen der geschützten Gewässer des Beagle-Kanals spürbar beruhigt. Von der berüchtigten Drake war an diesem Tag wenig zu spüren. Alle Gäste nutzten die ruhigen Stunden auf ihre Weise: Einige lagen lesend auf dem Sonnendeck, andere besuchten das Sportangebot an Bord, und manche standen einfach an der Reling und ließen den Blick über das endlose, stahlblaue Meer schweifen. Niklas und ich bezogen unseren Stammplatz auf Deck 8, unserem liebsten Ort an Bord, einem halb überdachten Außenbereich mit freiem Blick nach vorne und zur Seite. Von dort aus beobachteten wir immer wieder Albatrosse, die das Schiff in langen Gleitbögen begleiteten. Diese Vögel sind wahre Herrscher der Lüfte: Mit einer Flügelspannweite von bis zu dreieinhalb Metern beim Wanderalbatros nutzen sie die Windströmungen über dem offenen Ozean so präzise, dass sie tausende Kilometer zurückzulegen, ohne nennenswert mit den Flügeln zu schlagen. Sie bilden lebenslange Paarbindungen und können bis zu 70 Jahre alt werden.

Um 10:00 Uhr versammelten wir uns im HanseAtrium, wo uns Expeditionsleiter Dr. Arne Kertelhein die IAATO-Verhaltensregeln für die Antarktis ausführlich erläuterte. IAATO steht für International Association of Antarctica Tour Operators, ein weltweiter Zusammenschluss von Reiseveranstaltern, die sich dem verantwortungsvollen und naturverträglichen Tourismus in der Antarktis verschrieben haben. Die Regeln sind klar und unverhandelbar: Mindestabstände zu Tieren einhalten, keine sensiblen Flächen betreten, absolut nichts mitnehmen und selbstverständlich nichts zurücklassen. Nur so lässt sich einer der letzten unberührten Lebensräume der Erde für künftige Generationen bewahren. Am Nachmittag startete dann die legendäre Staubsaugerparty: Das Expeditionsteam untersuchte, bewaffnet mit Hufkratzern, Klettverschlussbürsten und Pinzetten, jedes Gepäckstück und jeden Schuh auf eingeschleppte Pflanzenreste, Samen oder Erdpartikel. Kein Grashalm und kein Samen durfte das empfindliche Ökosystem der Antarktis gefährden. Den Abschluss des Tages bildete der Kapitäns-Willkommens-Cocktail ein festlicher Auftakt für das eigentliche Expeditionspro

Der Zügelpinguin

Am Abend gab es noch ein ausführliches Pre Cap für unsere ersten beiden Anlandungen: Half Moon Island und Deception Island. Die erste Anlandung für unsere Gruppe wurde für 08:30 Uhr angesetzt. Besondere Vorfreude weckte die Ankündigung, dass auf Deception Island ein Polar Plunge geplant sei. Ein Bad im geothermisch erwärmten Vulkanwasser der Antarktis. Die Aussicht darauf rief bei den Gästen ein breites Spektrum an Reaktionen hervor: von ungebremstem Enthusiasmus bis zu einem wissenden Lächeln, das eine gesunde Portion Skepsis verriet. Wer in eines der kältesten Meere der Welt springt, braucht jedenfalls eine gehörige Portion Abenteuerlust und die war in unserer Gruppe reichlich vorhanden. Die Vorfreude auf den nächsten Tag war im ganzen Schiff greifbar. Viele Gäste blieben noch lange in der Observation Lounge zusammen, schauten auf das dunkle Meer hinaus und tauschten Gedanken und Erwartungen aus.

Auf Half Moon Island würden wir zum ersten Mal Zügelpinguinen begegnen. Der Zügelpinguin auch Kehlstreif-Pinguin genannt ist mit einer Körpergröße von 50 bis 60 cm und einem Gewicht von 4 bis 5 kg eine der kleinsten Pinguinarten der Antarktis. Sein markantes Erkennungszeichen ist ein dünner schwarzer Streifen, der im Bereich des Hinterkopfes beginnt, unter dem Auge hindurchläuft und bis vor zum Kinn reicht wie ein feines Band um das weiße Gesicht. Schnabel und Augenring sind schwarz, die Füße auffällig rosa. An Land sind Zügelpinguine bekannte Schlittenfahrer: Bei Bedarf legen sie sich flach auf den Bauch und schieben sich mit den Flossen über Schnee und Eis fort, was auf steilen Hängen erstaunliche Geschwindigkeiten ermöglicht. Sie sind monogam und kehren jedes Jahr zum selben Partner zurück, um gemeinsam in Kolonien von teils mehr als 100.000 Brutpaaren Küken großzuziehen. Die Zügelpinguine ernähren sich hauptsächlich von Krill; ihr weltweiter Gesamtbestand wird auf rund 10 Millionen Exemplare geschätzt, was sie zur häufigsten Pinguinart der Antarktischen Halbinsel macht.

Half Moon Island

Nach einem ausgiebigen Frühstück wurde unsere Gruppe für die erste Anlandung des Tages auf Half Moon Island aufgerufen. Mit den Zodiacs ging es auf einer kurzen Überfahrt zur Anlandestelle am Strand. Angekommen wurden wir sofort von den ersten Zügelpinguinen begrüßt. Aufrecht, neugierig und völlig furchtlos, wie es nur Tiere sein können, die an Land kaum natürliche Feinde kennen. Links und rechts, soweit das Auge reichte, erstreckte sich die weitläufige Kolonie. Überall watschelten Küken mit ihren flauschigen Daunen zwischen den Erwachsenen umher, bettelten um Futter oder übten erste unsichere Schritte. Mit Expeditionsexperte Dr. Eckart Pott liefen wir geführt über die Insel und lernten dabei viel über das Verhalten und die Biologie dieser faszinierenden Tiere. Neben den Pinguinen beobachteten wir auch Skuas, räuberische Meeresvögel, die auf Pinguineier und Küken spezialisiert sind sowie einige Pelzrobben, die sich träge im flachen Wasser tummelten.

Half Moon Island liegt in den Südlichen Shetlandinseln nahe der Livingston-Insel und verdankt ihren Namen der charakteristischen halbmondartigen Form ihrer Bucht. Die Insel ist etwa zwei Kilometer lang, unbewohnt und nur im Südsommer von der argentinischen Forschungsstation Cámara zeitweise besetzt. Die eindrucksvolle Landschaft mit roten Flechten auf den dunklen Felsen, und weißem Schnee lädt zum Staunen ein. Zurück an Bord wärmten wir uns auf Deck 8 mit Kaffee und Tee auf und sichteten die ersten Hunderte von Fotos und Videos des Tages. Gegen 11:30 Uhr fand an Bord eine Informationsveranstaltung zum Thema Camping in der Antarktis statt: Das Expeditionsteam erklärte Verhaltensregeln und demonstrierte den Zeltaufbau. Das Camping-Erlebnis, eine Nacht im Schlafsack auf dem Schnee der Antarktis unter einem unbeschreiblichen Sternenhimmel, Kostenpunkt 690 Euro pro Person, ist für all jene, die noch tiefer in diese Wildnis eintauchen möchten, ein absolut unvergessliches Erlebnis.

Deception Island

Gegen 15:00 kam die Durchsage von Kapitän Axel Engeldrum: "Wir beginnen jetzt mit der Einfahrt in die Caldera von Deception Island". Fast alle Gäste versammelten sich auf dem Deckumlauf am Bug, dem so genannten "Spirit Walk" auf Deck 6, um die spektakuläre Passage durch Neptunes Bellows (Neptuns Blasebalg) hautnah zu verfolgen. Deception Island ist eine der außergewöhnlichsten Inseln der gesamten Antarktis: Sie ist ein aktiver Vulkan, dessen Caldera durch die schmale Einfahrt Neptunes Bellows für Schiffe zugänglich ist. Einmal drinnen, bietet die Caldera vollständigen Schutz vor dem offenen Ozean. Die Insel war einst ein wichtiger Stützpunkt für den industriellen Walfang im Südatlantik und beherbergte später wissenschaftliche Stationen mehrerer Nationen. Was sie bis heute einzigartig macht: Der Vulkanismus heizt das Meerwasser und bestimmte Strandabschnitte geothermisch auf, besonders an der Anlandestelle Pendulum Cove. Genau das macht den legendären Polar Plunge möglich: ein Bad in vulkanisch erwärmtem Wasser mitten in der Antarktis.

An der Anlandestelle Pendulum Cove erhielten wir eine kurze Einweisung durch das Expeditionsteam. An den Quellen selbst misst das geothermisch erhitzte Wasser bis zu 65 Grad. Nach Vermischung mit Schmelzwasser am Strand noch etwa fünf Grad und wenige Meter weiter im offenen Antarktismeer dann sportliche zwei Grad. Die Geologin Heike Fries prüfte die Badesituation fachgerecht mit einem mitgebrachten Thermometer, was für herzliches Gelächter am Ufer sorgte. Am Ende sprangen 44 Gäste und 28 Crewmitglieder in die Fluten. Ein Moment kollektiver Kühnheit, den niemand vergessen wird. Ein einzelner zutraulicher Zügelpinguin beobachtete das bizarre Treiben vom Strand aus mit erkennbarem Interesse. Die absolute Premiere des Tages: General Expedition Manager Matthias Mayer wagte zum allerersten Mal in seiner gesamten 40-jährigen Seefahrtsgeschichte den Polar Plunge, eine Taufe, die zu Recht mit einem ordentlichen Applaus gewürdigt wurde. Zurück an Bord, frisch geduscht und aufgewärmt, organisierten wir für 19:30 Uhr einen Tisch für unsere Gruppe im HANSEATIC Restaurant. Ein wohlverdientes Abendessen nach einem außergewöhnlichen Tag.

Paradise Bay

Heute Morgen ging es wieder früh los. Das Frühstück übersprangen wir zugunsten eines pünktlichen Starts. Um 07:30 Uhr begann unser erstes Zodiac-Cruising in der Paradise Bay. Bereits nach wenigen Metern Fahrt tauchte der erste Buckelwal direkt neben unserem Zodiac auf. Sein Atem explodierte in einer dichten Fontäne, sein massiver Rücken hob sich aus dem dunklen Wasser, die Schwanzflosse glitt majestätisch in die Tiefe. Dieses Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen. In der Region rund um die argentinische Forschungsstation Almirante Brown wimmelte es von Buckelwalen. Plötzlich tauchte ein Wal unmittelbar vor unserem Zodiac auf, glitt unter dem Boot hindurch und verschwand wieder in der Tiefe. Was für ein Moment, absolut unbeschreiblich. Doris Adler wartete mit ihrem Team mit einem eigens präparierten Champagner-Zodiac auf uns und auf diese unglaublichen Erlebnisse stießen wir gemeinsam auf dem Wasser an. Die Paradise Bay gilt als eine der malerischsten Buchten der Antarktischen Halbinsel: Umgeben von mächtigen Gletschern, Eisbergen in allen Blautönen und steilen Bergpanoramen ist sie ein atemberaubender Ort.

Der Buckelwal gehört zu den bekanntesten und charismatischsten Meeressäugern der Welt. Er kann eine Länge von bis zu 16 Metern erreichen und bis zu 36 Tonnen wiegen. Charakteristisch sind seine außergewöhnlich langen, weißen Brustflossen die längsten aller Walarten, sowie die buckelige Rückenlinie, die ihm seinen Namen gegeben hat. Buckelwale sind bekannt für spektakuläre Verhaltensweisen: Sie brechen vollständig aus dem Wasser, schlagen mit ihren Flossen rhythmisch auf die Meeresoberfläche und produzieren komplexe, melodische Gesänge von bis zu 20 Minuten Länge, die von Wissenschaftlern intensiv untersucht werden. Ihre bemerkenswerteste Jagdtechnik ist das sogenannte Bubble-Net-Feeding: Mehrere Wale schwimmen in koordinierten Spiralen unter einem Fischschwarm und stoßen Luftblasen aus, die einen kreisförmigen Vorhang bilden und den Schwarm nach oben treiben. Dann schnappen alle gleichzeitig zu. Die Antarktis ist eines der wichtigsten Sommernahrungsgebiete der Buckelwale weltweit. Zurück an Bord wärmten wir uns mit Kaffee auf und bearbeiteten die ersten Fotos des Tages.

Lemaire Kanal & Petermann Island

Nach dem Mittagessen auf der Sonnenterrasse des Lido Restaurants kam gegen14:30 Uhr die Durchsage vom Kapitän: "Wir fahren jetzt in den Lemaire Kanal ein". Er ist eine der spektakulärsten Meerengen der Welt. Rund 11 Kilometer lang und an seiner schmalsten Stelle nur1,6 Kilometer breit, beidseitig gesäumt von bis zu 750 Meter hohen, schneebedeckten Bergflanken, die sich fast senkrecht aus dem Wasser erheben. Wenn sich das Wasser zwischen den Bergwänden glättet, spiegeln sich Gipfel und Eisberge darin wie in einem polierten Spiegel. Ein Anblick, der dem Kanal den Spitznamen Kodak-Gap eingebracht hat. Häufig ist die Passage durch treibende Eisberge blockiert und für Schiffe unpassierbar. Dass uns die Brückenmannschaft der HANSEATIC spirit durch eine nautische Meisterleistung die vollständige Durchfahrt ermöglichte, war ein außergewöhnliches Glück und einer der visuell eindrucksvollsten Momente der gesamten Reise. Alle Gäste standen schweigend an der Reling und ließen diese Kulisse in sich aufnehmen.

Am Ende des Kanals erreichten wir Petermann Island, wo unsere Anlandung aufgrund der Eislage erst gegen 16:30 Uhr beginnen konnte. Die Insel liegt vor der Antarktischen Halbinsel und gehört zu den südlichsten regelmäßigen Anlandepunkten von Expeditionsreisen überhaupt. Direkt am Strand begrüßten uns Eselspinguine sowie eine Adeliepinguin Kolonie. Damit hatten wir nun alle drei Pinguinarten der Antarktischen Halbinsel auf dieser Reise gesehen. Ein kleiner, aber bedeutender Meilenstein. Der Eselspinguin ist mit 75–90 cm und bis zu 8 kg der schwerste der drei Arten und bekannt für seinen lauten, eselähnlichen Ruf. Der Adeliepinguin, etwa 70 cm groß und 5 kg schwer, ist lebhaft und kühn, baut Nester aus Steinen und ist nicht über gelegentlichen Diebstahl beim Nachbarn erhaben. Von der Aussichtsplattform der Insel blickten wir auf den sogenannten Eisbergfriedhof: eine Ansammlung gestrandeter Eisberge, die sich in den flachen Gewässern rings um Petermann Island gesammelt haben und ein stilles, majestätisches Panorama bilden. Den Abend ließen wir erschöpft und glücklich mit einem gemeinsamen Abendessen mit unseren Gästen ausklingen.

Damoy Point und Neko Harbour

Aufgrund eines Wetterumschwungs war die Rückfahrt durch den Lemaire Kanal nicht mehr möglich, weshalb der Kurs geändert werden musste. Das Campen für die Gäste in Damoy Point wurde leider abgesagt, aber so ist das eben bei einer Expedition: Manchmal klappt Plan A nicht, und dann wird auf Plan B oder C umgeschwenkt. Unsere Anlandung startete heute erst um 09:00 Uhr, weshalb wir ein ausgiebiges Frühstück im HANSEATIC Restaurant genießen konnten. Die Anlandestelle erwies sich für die Zodiacfahrer als durchaus anspruchsvoll: Wir wurden bis zu den Knien nass, bevor es steil bergauf ging. Uns wurde schnell bewusst, dass unsere Kondition noch Luft nach oben hat. Oben angekommen wurden wir mit einem atemberaubenden Panorama belohnt: frischer Neuschnee, weite Ausblicke auf die Gletscher und eine Kolonie von Eselspinguinen, die sich wenig beeindruckt von unserer Ankunft zeigte. Unten am Ufer ließ sich kurz ein Seeleopard blicken.

Der Seeleopard ist eine der größten und furchterregendsten Robben der Antarktis. Weibchen werden bis zu 3,8 Meter lang und über 500 Kilogramm schwer; Männchen sind etwas kleiner, aber kaum weniger eindrucksvoll. Sein Name ist Programm: Wie der Leopard auf dem Land ist er ein wendiger, opportunistischer Räuber. Schnell, neugierig und mit einem breiten Beutespektrum. Seeleoparden fressen Pinguine, Fische, Tintenfische, Krill und gelegentlich auch andere Robben. Ihr Maul ist ungewohnt groß und weit spaltbar, mit langen, scharfen Reißzähnen. Gleichzeitig besitzen sie speziell geformte Backenzähne, mit denen sie Krill ähnlich wie Bartenwale aus dem Wasser filtern können, ein bemerkenswertes Merkmal für ein aktives Raubtier. Gegenüber Menschen zeigen Seeleoparden große Neugier: Begegnungen mit Zodiacs oder Tauchern enden meist mit intensiver gegenseitiger Betrachtung und weniger mit echten Angriffen. Dennoch ist ein Respektabstand immer geboten.

Damoy Point liegt auf der Wiencke-Insel nahe Port Lockroy und ist ein historisch bedeutsamer Ort: In den 1970er und 1980 er Jahren diente das Gebiet als saisonales Lufttransport Depot des Britischen Antarktis Survey (BAS). Die rote Schutzhütte aus dieser Zeit steht noch heute und ist als historisches Monument der Antarktis geschützt.

Neumayer Kanal und Festland

Nach der Rückkehr von Damoy Point hieß es schnell umziehen und aufwärmen. Kaum hatten wir uns umgezogen, kam die Durchsage von Kapitän Axel Engeldrum: "Wir durchfahren jetzt den Neumayer Kanal und die Bedingungen sind perfekt. Kein Wind, spiegelglattes Wasser". Was folgte, war eine der schönsten Passagen der gesamten Reise: Der Neumayer Kanal ist eine rund 40 Kilometer lange Meerenge zwischen der Wiencke-Insel und der Doumer-Insel auf der einen sowie der Anvers-Insel auf der anderen Seite, eingerahmt von Gletschern und schneebedeckten Gipfeln. Die vollkommene Stille, gebrochen nur vom entfernten Krachen der Eisschollen, ließ uns alle innehalten. Nach der Durchfahrt erreichten wir Neko Harbour in der Andvord Bay. An der Anlandestelle mussten wir zügig den steilen Strand hinauflaufen, denn der aktive Gletscher über uns konnte jederzeit kalben. Tatsächlich donnerten während unseres Aufenthalts mehrfach Eisblöcke ins Meer hinab, eine gewaltige Erinnerung an die lebendigen Kräfte dieser Landschaft.

Neko Harbour liegt in der Andvord Bay an der Antarktischen Halbinsel und bietet den seltenen und begehrten Vorteil, dass Besucher hier tatsächlich antarktisches Festland, also den Kontinent selbst betreten können. Nicht nur Inseln, nicht nur Packeis, sondern echtes antarktisches Gestein. Für viele Gäste war dies der persönlich bewegendste Moment der gesamten Reise. Oben auf dem Felsvorsprung überblickten wir die ganze Bucht: Eisberge trieben träge im Wasser, Eselspinguine watschelten an uns vorbei, und am Horizont tauchten immer wieder Wal-Fontänen auf. Selbst von Land aus konnten wir unzählige Wale sichten.

Zurück an Bord versammelte uns Kapitän Axel Engeldrum im HanseAtrium mit einer wichtigen Neuigkeit: "Aufgrund eines Sturms mit bis zu neun Meter hohen Wellen auf der Route nach Südgeorgien bleiben wir zwei weitere Tage auf der Antarktischen Halbinsel". Eine Entscheidung, die bei den Gästen auf vorbehaltlose Zustimmung stieß. Den Abend ließen wir entspannt mit einem Wiener Schnitzel in der Kabine ausklingen, ein wohltuender Abschluss nach einem intensiven, langen Tag auf dem Kontinent selbst.

Cuverville Island und Wilhelmina Bay

Um 5:00 Uhr morgens riss uns eine Durchsage aus dem Schlaf: Springende Wale. Also schnell warm angezogen und auf Deck 9. Leider hatten sich die Wale beim Auftauchen bereits wieder in die Tiefe verabschiedet, doch immerhin tummelten sich noch einige in unmittelbarer Nähe des Schiffes, sodass wir ein paar eindrucksvolle Aufnahmen machen konnten. Unsere erste Anlandung des Tages führte uns spontan und außerplanmäßig auf Cuverville Island. Eine kleine, felsige Insel im Errera-Kanal vor der Danco-Küste, kurzfristig in unser Routing aufgenommen, als sich ein Wetterfenster öffnete. Was uns dort empfing, war ein Fest für alle Sinne: Eselspinguine in ihrer ganzen Pracht. Groß und klein quirlig und neugierig, frisch gemausert oder noch mitten im Gefiederwechsel. Die Insel wird von bis zu 1.600 Meter hohen, schneebedeckten Bergketten eingerahmt. Das Wetter spielte heute richtig mit. Echte Sonnenstrahlen. Fünftausend Pinguin- und Eisbergfotos später kehrten wir mit leeren Kameraakkus und vollen Herzen ans Schiff zurück.

Gegen frühen Mittag fuhren wir weiter in Richtung Wilhelmina Bay und dieser Tag sollte zum absoluten Wal-Tag der gesamten Reise werden. Alle paar Minuten eine neue Durchsage: Zehn Wale auf der Backbordseite und eine Minute später weitere zehn auf der Steuerbordseite. Wir konnten Buckelwale dabei beobachten, wie sie in Gruppen Krill an der Oberfläche jagten, wie sie auftauchten, atmeten und wieder in der Tiefe verschwanden. Ihre Flossenschläge auf der Wasserfläche ließen das Meer ringsum aufschäumen. Es war ein Spektakel der Extraklasse. Die Wilhelmina Bay ist bekannt dafür, eine der walreichsten Regionen der gesamten Antarktischen Halbinsel zu sein, besonders im Spätsommer, wenn die Krilldichte hier maximal ist. Wissenschaftler bezeichnen die Bay gelegentlich als den „Disco-Ball“ des Südlichen Ozeans. Ein Hinweis auf die schiere Menge an biologischer Aktivität, die sich hier im Spätsommer ballt. Für uns war dieser Tag jedenfalls ein unvergessliches Naturschauspiel.

Foyn Harbour

Unser Ziel für die Zodiac-Cruise am Nachmittag war Foyn Harbour in der Wilhelmina Bay. Der Hafen ist nach dem norwegischen Walfang-Pionier Svend Foyn benannt. Der Mann, der 1864 die moderne Harpunenkanone erfand und damit den industriellen Walfang erst möglich machte. Im Hafen befindet sich das wohl bekannteste Schiffswrack der Antarktis: die Gouvernøren, ein norwegisches Walfang-Fabrikschiff, das hier im Jahr 1915 Feuer fing. Um eine gewaltige Explosion des an Bord gelagerten Walfetts zu verhindern, wurde das brennende Schiff kontrolliert auf Grund gesetzt. Heute liegt ihr rostiges, von Eis und Algen überzogenes Skelett als stummes Relikt der Walfangära in der Bucht. Ein unheimliches und gleichzeitig faszinierendes Zeugnis einer Epoche, in der hier jährlich tausende Wale getötet und verarbeitet wurden.

Gegen 16:00 Uhr wurde unsere Gruppe aufgerufen und die Zodiacs legten ab. Was folgte, war ein Erlebnis, das uns allen den Atem verschlug: Wale aus nächster Nähe bei der Nahrungsaufnahme, ihre großen Körper gleitend durch das dunkle, kalte Wasser und gleich nebenan das verwitterte Wrack der Gouvernøren. Es war schwer zu sagen, was eindrucksvoller war: die Wale oder das Wrack. Wir fuhren mit den Zodiacs bis unmittelbar ans Schiffsskelett heran und konnten Schiffsrippen, Kesselreste und Aufbauten aus nächster Nähe betrachten. Ein Ort voller Geschichte und stiller Melancholie. Das Wrack der Gouvernøren ist längst zum Symbol geworden für das Ende der großen Walfangära, die weite Teile der Walpopulationen des Südlichen Ozeans an den Rand der Ausrottung brachte. Heute, gut hundert Jahre später, schwimmen in eben diesen Gewässern wieder Tausende von Buckelwalen – eine vorsichtige Rückkehr der Natur, die zeigt, was möglich ist, wenn der Mensch ihr Raum lässt. Den Abend ließen wir im HANSEATIC Restaurant mit lieben Gästen ausklingen, ein würdiger Abschluss für einen der eindrucksvollsten Tage dieser Reise.

Antarktischer Sund & Weddellmeer

Am Vorabend hatten wir Kurs auf den Antarktischen Sund genommen. Der Tag startete etwas entspannter als die vorangegangenen: Gegen halb neun fuhren wir in den Sund ein und erreichten bald das Weddellmeer, eine der unwirklichsten und faszinierendsten Meeresregionen der Welt. Das Weddellmeer liegt östlich der Antarktischen Halbinsel und ist für seine extremen Eisbedingungen und seine ausgeprägte Robben-Artenvielfalt bekannt. Berühmt wurde es vor allem durch Ernest Shackletons legendäre Endurance-Expedition (1914-1917): Shackletons Schiff geriet im Packeis des Weddellmeers fest und wurde schließlich vom Eis zerquetscht. Seine Crew überlebte durch eine der erstaunlichsten Rettungsmissionen der Seefahrtsgeschichte. Unser Ziel heute war die Halbinsel The Naze auf James Ross Island. Einer Insel im Nordwesten des Weddellmeers, die nach dem britischen Polarforscher James Clark Ross benannt ist, der die Region 1842 erkundete. Geologisch und paläontologisch ist James Ross Island von großem wissenschaftlichem Interesse, da hier Fossilien von Dinosauriern aus der Kreidezeit gefunden wurden.

Das Wetter heute Morgen zeigte sich von seiner rauen Seite: minus sechs Grad und ein steifer Wind, der die Landschaft noch kärger wirken ließ als ohnehin. Die Natur hier sieht deutlich anders aus als an der Antarktischen Halbinsel: Statt Schnee und Gletscher prägen bräunliche Sedimentgesteine wie mit feinem Puderzucker bedeckt und riesige Tafeleisberge das Bild, soweit das Auge reicht. Diese flachen, rechteckigen Kolosse können mehrere Kilometer lang sein und stammen vom antarktischen Festlandeis, das regelmäßig große Blöcke ins Meer abgibt.

Um 16:00 Uhr brachten uns die Zodiacs an Land zur vorletzten Anlandung dieser Antarktisphase. The Naze ist eine weitläufige Halbinsel im Norden von James Ross Island: Sedimentgesteine und eine Tundra ähnliche Topografie prägen das Bild, durchbrochen von kleinen Tümpeln und Moosteppichen. Von der Höhe bietet sich ein überwältigender Blick auf die riesigen Tafeleisberge des Weddellmeers, die wie gestrandete Kontinente im Wasser treiben und das Licht in tausend Blautöne brechen.

The Naze und die Weddellrobbe

Wir hatten anderthalb Stunden Zeit auf der Halbinsel. Genug, um ausgiebig zu erkunden. The Naze ist ganz anders als alle Anlandestellen zuvor. Keine Pinguinkolonien, kein Gletscher, keine Eisberge in Greifnähe, sondern eine stille, fast meditative Weite. Wir liefen runter an den Strand, wo sich vor uns ein Meer aus Eis erstreckte. Hunderte von Tafeleisbergen in allen Größen, soweit das Auge reichte, in einem Licht, das alles unwirklich und schön zugleich erscheinen ließ. Ein paar Meter von uns entfernt lag eine schlafende Weddellrobbe im Schnee, vollkommen entspannt, völlig unbeeindruckt von unserer Anwesenheit. Wir konnten uns ihr auf wenige Meter annähern und sie aus nächster Nähe beobachten. Die Weddellrobbe ist eine der südlichsten Tierarten der Welt und bewohnt die Küstenregionen des antarktischen Kontinents. Sie ist nach dem britischen Entdecker James Weddell benannt.

Die Weddellrobbe beeindruckt vor allem durch ihre außergewöhnlichen Tauchkünste. Sie kann bis zu 600Meter tief tauchen und Tauchgänge von über 80 Minuten absolvieren und das in den eisigen Gewässern der Antarktis, unter Eis, das jeden Atemzug zur logistischen Herausforderung macht. Um auch im Winter überleben zu können, hält sie mit ihren kräftigen Zähnen Atemlöcher im Eis offen, die sie regelmäßig aufnagen muss, bevor das Eis sie wieder verschließt. An Land wirken Weddellrobben träge und sanftmütig; sie lassen Menschen erstaunlich nah herankommen und schlafen scheinbar unbekümmert direkt neben Beobachtern. Wir alle genossen diese letzte Anlandung im Weddellmeer bei blauem Himmel und Sonnenschein mit dem unglaublichen Panorama aus Eis und Licht im Rücken. Den Abend ließen wir entspannt im HANSEATIC Restaurant ausklingen. Wir tauschten uns mit Gästen über die sonderbare Schönheit dieser kargen, eisigen Welt aus. So verschieden von allem, was wir zuvor auf dieser Reise gesehen hatten, und doch genauso berührend auf seine ganz eigene Weise. Am nächsten Tag sollte uns die allerletzte Anlandung auf der Antarktischen Halbinsel erwarten.

Brown Bluff

eute Morgen klingelte der Wecker wieder früh. Um 07:30 Uhr startete unsere letzte Anlandung auf der Antarktischen Halbinsel und gleichzeitig unser zweites Mal auf echtem antarktischen Festland. Brown Bluff liegt am nördlichen Ende der Halbinsel, direkt am Eingang zum Antarktischen Sund, und ist einer der wenigen Orte, an denen Besucher tatsächlich den Kontinent selbst betreten können. Der markante braun-gelbe Felsvorsprung ist vulkanischen Ursprungs und ragt rund 745 Meter aus dem Meer empor. An seinem Fuß brüten tausende Adélie- und Eselspinguine Seite an Seite. Was Brown Bluff zu einer der pinguinreichsten Anlandestellen der gesamten Antarktis macht. Wir wurden sogleich von einer großen Pinguinkolonie in Empfang genommen und die Kulisse mit den riesigen Eisbergen dahinter war schlicht magisch. Etwas Besonderes ließ sich bei den Jungtieren beobachten: Viele der Küken hatten ihr flauschiges Daunenkleid bereits gegen das glänzende, wasserabweisende Erwachsenengefieder getauscht und wagten nun zum ersten Mal den Schritt ins Wasser.

Das erste Ins-Wasser-Gehen der Jungpinguine ist ein biologisch bedeutsamer Moment in ihrer Entwicklung. Wenn die Brutzeit endet und die Eltern die Fütterung zunehmend einstellen, sind die Jungtiere auf sich allein gestellt. Instinktiv nähern sie sich dem Wasser, zögern aber oft zunächst. Sie watscheln bis zur Wasserlinie, schauen hinein und ziehen sich wieder zurück. Viele wagen den ersten Sprung lieber in der Gruppe, wenn viele gleichzeitig ins Wasser gehen, verringert sich das individuelle Risiko, zur Beute eines lauernden Seeleoparden zu werden. Einmal drin, entfalten sie schnell ihre erstaunlichen Schwimmfähigkeiten, die in keinem Verhältnis zu ihrer unbeholfenen Art an Land stehen. Wir beobachteten mehrere Gruppen von Jungpinguinen an der Wasserkante, das Zögern, die große Entscheidung, den ersten Satz ins kalte Wasser. Es war eines der berührendsten Bilder der Reise. Wer einmal gesehen hat, wie ein Jungpinguin in kleinen, unsicheren Schritten zur Wasserlinie watschelt, innehält, den Kopf hin- und herdreht, und dann mit einem kleinen, mutigen Platscher zum ersten Mal in seinem Element ankommt, der versteht, warum Menschen aus aller Welt tausende Kilometer zurücklegen, um genau das zu erleben.

Wir von Eisexpeditionen.de beraten Sie gerne zu Reisen mit der Le Commandant Charcot von PONANT.

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