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Polynyas – lebenswichtige Fenster im Meereis

In den endlosen Weiten der Polarregionen existieren geheimnisvolle Oasen des Lebens: Polynyas – offene Wasserflächen mitten im gefrorenen Meer. In diesem Beitrag lesen Sie, warum diese natürlichen Fenster im Eis zu den wichtigsten Naturphänomenen der Arktis und Antarktis gehören, wie sie entstehen und warum sie für das Überleben unzähliger Tierarten unverzichtbar sind.

Warum offene Wasserflächen im Eis Leben ermöglichen

Wenn Sie an die Arktis oder Antarktis denken, erscheint vor Ihrem inneren Auge vermutlich eine unendliche, weiße Fläche aus Eis. Doch selbst im scheinbar geschlossenen Meereis existieren Stellen, an denen das Meerwasser offen bleibt – auch mitten im Winter. Diese offenen Wasserflächen nennt man Polynyas. Der Begriff stammt aus dem Russischen und bedeutet „offene Wasserfläche“. Polynyas sind faszinierende Naturphänomene, die eine entscheidende Rolle im empfindlichen Gleichgewicht der Polarregionen spielen. Ohne sie könnten viele Tierarten im hohen Norden und Süden nicht überleben.

Entstehung und Formen der Polynyas

Polynyas entstehen dort, wo physikalische oder ozeanografische Prozesse das Gefrieren des Meerwassers verhindern. Es gibt zwei Haupttypen: Küsten-Polynyas und offene Polynyas.

Küsten-Polynyas bilden sich entlang von Küsten, oft durch beständige Winde, die neu gebildetes Eis fortblasen. So bleibt eine freie Wasserfläche bestehen, auf der sich ständig neues Eis bildet und wieder verdrängt wird. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Nordwasser-Polynya zwischen Grönland und Kanada, eine der größten und produktivsten Polynyas der Erde.

Offene Polynyas hingegen entstehen fernab der Küsten durch aufsteigendes warmes Tiefenwasser. Diese Wärmeströmungen reichen aus, um die Eisbildung an bestimmten Stellen zu verhindern oder bereits bestehendes Eis aufzubrechen. Beide Formen sind für das polare Ökosystem von entscheidender Bedeutung – sie schaffen unter extremen Bedingungen kleine Oasen des Lebens.

Wärmetauscher und Sauerstoffquelle des Ozeans

Neben ihrer ökologischen Bedeutung spielen Polynyas auch eine wesentliche Rolle für das Klima und die Zirkulation der Ozeane. Wenn sich in Polynyas ständig neues Meereis bildet, wird salzreiches, schweres Wasser in die Tiefe gedrückt. Dieses absinkende Wasser trägt zur sogenannten thermohalinen Zirkulation bei – einem globalen Strömungssystem, das das Klima der Erde beeinflusst.

Gleichzeitig fungieren Polynyas als natürliche „Atmungsöffnungen“ des Ozeans. Durch die offene Wasserfläche kann ein intensiver Austausch von Gasen zwischen Atmosphäre und Meer stattfinden. Kohlendioxid gelangt in den Ozean, während Sauerstoff in tiefere Schichten transportiert wird. Diese Prozesse sind entscheidend für das Gleichgewicht der Meereschemie – und letztlich für das Leben im Meer.

Meereis Polynyas als Lebensraum und Nahrungsquelle

Die offenen Wasserflächen bieten ideale Bedingungen für das Wachstum von Phytoplankton, der Grundlage des marinen Nahrungsnetzes. Sobald im Frühjahr die Sonne zurückkehrt, beginnen die mikroskopisch kleinen Algen, sich explosionsartig zu vermehren. Diese Planktonblüte zieht unzählige Kleinstlebewesen an, gefolgt von Fischen, Robben und schließlich ihren größten Jägern: den Eisbären.

Auch Seevögel profitieren von Polynyas, da sie hier Nahrung finden und im offenen Wasser landen können. Während weite Teile des Ozeans im Winter unter einer dicken Eisschicht verborgen bleiben, bieten Polynyas lebenswichtige Zugänge zu Nahrung und Sauerstoff. Für viele Tierarten sind sie die einzigen Orte, an denen sie in der langen Polarnacht überleben können.

Überlebenswichtig für Robben und Eisbären

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die ökologische Bedeutung der Meereis Polynyas ist die bereits erwähnte Nordwasser-Polynya in der Baffin Bay zwischen Nordgrönland und Kanada. Diese Region bleibt auch im Winter weitgehend eisfrei und wird von warmem Wasser aus dem Atlantik gespeist. Hier finden Ringelrobben, Bartrobben und Walrosse offene Wasserflächen, um zu atmen, zu jagen und ihre Jungen aufzuziehen.

Für Robben ist das Überleben ohne solche Polynyas kaum möglich. Sie benötigen regelmäßig Zugang zum Wasser, um zu fischen und Luft zu holen. Wenn das Eis vollständig geschlossen wäre, könnten sie nicht überleben. Eisbären wiederum sind auf die Robbenjagd angewiesen – und diese ist nur an den Rändern der Polynyas möglich. Dort warten die Bären geduldig an Atemlöchern, um ihre Beute zu schlagen.

Ohne diese offenen Wasserflächen würden die Nahrungsnetze der Arktis zusammenbrechen. Polynyas sind also nicht nur physikalische Phänomene, sondern Schlüsselfaktoren für das Überleben ganzer Arten.

Hotspots der biologischen Vielfalt

In der sonst lebensfeindlichen Kälte des Polarmeeres sind Polynyas wahre Hotspots biologischer Aktivität. Forscher haben dort eine außergewöhnliche Konzentration von Tierarten dokumentiert – von mikroskopischen Algen bis zu Großsäugern. Wale, wie Narwale und Belugas, folgen den offenen Wasserflächen auf ihren Wanderungen. Auch Eiderenten, Elfenbeinmöwen und andere Seevögel konzentrieren sich rund um diese eisfreien Zonen.

Die biologische Produktivität in Polynyas kann um ein Vielfaches höher sein als in den umliegenden Gebieten. Das liegt daran, dass das Licht hier frühzeitig ins Wasser dringt und die Algenproduktion antreibt, während unter der geschlossenen Eisdecke noch Dunkelheit herrscht. So beginnen Polynyas schon Wochen vor dem übrigen Meer mit der Frühjahrsproduktion und sichern das Überleben vieler Arten, die auf diese frühe Nahrungsquelle angewiesen sind.

Forschung und Klimabedeutung der Meereis Polynyas

Seit Jahrzehnten erforschen Wissenschaftler die Dynamik der Meereis Polynyas, um zu verstehen, wie sie entstehen, sich verändern und welche Rolle sie im Klimasystem spielen. Polynyas sind empfindliche Indikatoren für klimatische Veränderungen: Verschieben sich Meeresströmungen oder Windmuster, verändert sich auch ihre Lage und Größe.

Moderne Satellitenbeobachtungen ermöglichen es, Polynyas das ganze Jahr über zu verfolgen. Dabei zeigt sich, dass sie nicht nur lokale, sondern auch globale Auswirkungen haben. Durch den intensiven Gasaustausch zwischen Wasser und Atmosphäre beeinflussen sie den Kohlenstoffkreislauf und tragen damit zur Regulierung des globalen Klimas bei.

Zudem könnten Polynyas in einer sich erwärmenden Welt zunehmen oder sich verlagern – mit unvorhersehbaren Folgen für das gesamte polare Ökosystem. Ihre Erforschung ist daher nicht nur für die Polarbiologie, sondern auch für das Verständnis des globalen Klimawandels von zentraler Bedeutung.

Zerbrechliche Balance im Wandel der Zeit

Obwohl Polynyas natürlicherweise vorkommen, sind sie zunehmend durch menschliche Einflüsse bedroht. Die Erderwärmung verändert die Eisbildung, Windmuster und Meeresströmungen. Wenn das Meereis dünner und instabiler wird, könnte die Balance, die Polynyas bisher ermöglicht, aus dem Gleichgewicht geraten.

Auch Veränderungen in der Produktivität des Planktons könnten weitreichende Folgen haben – von den kleinsten Krillorganismen bis zu den großen Meeressäugern. Wissenschaftler warnen, dass schon kleine Verschiebungen in Temperatur oder Strömung ausreichen könnten, um diese sensiblen Ökosysteme dauerhaft zu verändern.

Der Schutz der Polarregionen und die Erforschung dieser einzigartigen Meeresfenster bleiben daher von größter Bedeutung.

Fazit – Oasen im Eis

Polynyas sind mehr als nur offene Wasserflächen im Eis. Sie sind lebenswichtige Atemlöcher eines ganzen Ökosystems, Motoren der biologischen Vielfalt und Schlüsselfaktoren des globalen Klimas. In ihnen verbinden sich physikalische, chemische und biologische Prozesse auf faszinierende Weise.

Für Robben, Eisbären und unzählige weitere Arten sind sie überlebensnotwendig. Für Wissenschaftler sind sie natürliche Labore, in denen sich das Zusammenspiel von Eis, Meer und Atmosphäre in Echtzeit beobachten lässt. Und für jeden, der die Polarregionen auf einer Expeditionskreuzfahrt erlebt, sind Polynyas eindrucksvolle Zeugnisse der Kraft und Zerbrechlichkeit unserer Erde.

Wenn Sie das faszinierende Zusammenspiel von Meereis, Tierwelt und Polynyas selbst erleben möchten, steht Ihnen das Team von Eisexpeditionen.de gerne für Beratung und Buchung zur Verfügung.

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