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Mission Eisbär - Ein Spitzbergen Reisebericht von Stefan Schäfer - Teil 1

Stefan Schäfer nahm im Juni 2023 an der Jungfernfahrt der Ocean Albatros teil. Über seine Erlebnisse im Svalbard-Archipel hat er einen langen Reisebericht verfasst, den wir Ihnen in zwei Teilen in unserem Blog präsentieren dürfen. Lassen Sie sich im ersten Teil von fantastischen Eisbärenbegegnungen mitreißen.

1. Tag, Ankunft in Longyearbyen

Gelandet, Gepäck aufgenommen bzw. zum Transporter gebracht und ohne weitere Kontrolle ging es für uns mit dem ersten Bus zum Hafen, von wo aus uns - nach dem Anlegen einer obligatorischen Rettungsweste - ein Zodiac zum Schiff brachte.

Wir waren sozusagen Gast drei und vier, die das Schiff erstmalig betreten durften. Von allen empfangenden Mitarbeitern wurden wir sehr freundlich begrüßt, zudem gleich mit einem Fruchtcocktail und einem kleinen Kuchenbuffet verwöhnt. Danach noch fix an die Rezeption, Pässe abgegeben und die Bord- wie auch Zimmerkarten in Empfang genommen.

Anschließend und noch menschenleer wollten wir noch zügig das Schiff erkunden. Alle Bereiche sind, nach unserem Geschmack, sehr stimmig und wunderbar gestaltet. Frisch, modern und dennoch gemütlich. Viel Platz überall auf verschiedenen Decks oder in allen möglichen Ecken des Schiffs, um sich zurückzuziehen, oder wenn gewünscht, andere Mitreisende zu treffen. Auch die Außenbereiche sind schön gestaltet und bei schönem Wetter mit weiteren gemütlichen Möglichkeiten des Verweilens ausgestattet. Hinzu kommen noch, aktuell noch nicht befüllt, zwei Hot Tubs und ein Infinity-Pool am Ende des 7. Decks. Fitnesscenter, Spa und Sauna ebenfalls an Bord.

Nachdem alle Gäste an Bord waren, wurde direkt mit dem mandatorischen Sicherheitsbriefing und einer hier noch praktisch durchgeführten Notfallübung, inkl. Gang zu den Rettungsbooten, begonnen. Anschließend, es war bereits 20.30h, ging es zum Abendessen in das Hauptrestaurant. Heute Abend, aufgrund der fortgeschrittenen Zeit, in Buffetform. Ansonsten abends immer a la carte. Bei immer noch wunderschönem Wetter, Sonne, ein paar Wolken, minimal Wind und ohne Wellen, saßen wir an einem der Panoramafenster und genossen bei der Fahrt durch den Isfjord das gute Abendessen.

Bevor es um 22.30h ins Bett ging, genossen wir noch für ein paar Minuten und fast für uns allein die Observation Lounge auf Deck 8 mit einem 180 Grad Blick nach vorne und auf die vorbeiziehenden weiß überzogenen Berge entlang des Isfjords und Ausgangs der Bucht von Longyearbyen. Ebenso die letzten Balken des Mobilfunkempfangs... Es wurden noch letzte Grüße für die vermeintlich nächsten sechs Tage ohne Netz gesendet. Natürlich kann man hier mit einem WiFi-Paket (vermeintlich) "on Air" bleiben. Das hatten wir aber, so oder so, bewusst im Vorfeld ausgeschlossen.

2. Tag 16.06.23 Krossfjord und Segnahamna

Morgens 6.30h in Spitzbergen, Sonne, kein Wind, keine Wellen, was will man mehr? Traumhaft! Wir fuhren gemächlich entlang der Nordspitze der Prinz Karl Insel weiter Richtung Nordwest. Ziel waren heute der Krossfjord und Segnahamna, eine ehemalige Wetterstation der Deutschen, die bis 1943 genutzt wurde.
Langsam erwachte das Schiff und über den Bordfunk erfolgte eine erste angenehme Ansage gegen 6.45h. Die erste Frühstückszeit auf der Ocean Albatros wurde freundlich mitgeteilt. Das Frühstücksbuffet bot uns eine gute und variable Auswahl an Speisen und eine Eierstation, an der man seine Eier nach Wahl zubereiten lassen konnte. Bis auf die Eierstation war das Buffet im kleineren Restaurant auf Deck 8 identisch. Gleiches – anstatt der Eierstation dann eine „Sonderstation“ - sollte später auch für das Mittagsbuffet gelten.

Heute früh standen zunächst das mandatorische Zodiac- und das Eisbär-Briefing an. Mit einer schönen Pause, die wir dann auf dem Außendeck bei schönstem Sonnenschein und Windstille nutzten konnten, auch um etwas Sonne "zu tanken", überbrückten wir die Zeit bis zum Mittag um 12.30h. Das Mittag gab es erneut im Buffetstyle, wie gestern Abend auch, mit ebenfalls guten Gerichten und ausreichend Abwechslung. Bevor ich es vergesse, auch Vegetarier und Allergiker kommen hier gut zurecht. Es wird alles versucht, jedem, nach Bedarf oder Vorliebe, gerecht zu werden.

Danach gönnten wir uns eine noch ausgiebigere Mittagspause auf der Kabine. Aus einer geplanten Stunde Schlaf wurden fast zwei. Parallel legten bereits planmäßig die ersten beiden Gruppen ab 14.00h mit der Landung im Krossfjord los. Wir waren in einer späteren Gruppe geplant und sollten daher, ausgeschlafen, erst zwei Stunden später starten. Alles verzögerte sich aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen (Sicherheitsteam bzgl. der Eisbären) an Land leicht, daher blieb erneut etwas Zeit, um das Außendeck zu nutzen. Gepaart mit dem wunderschönen Ausblick auf den ersten für uns sichtbaren Gletscher und ersten Rentieren, die im Hintergrund ins Blickfeld kamen.

Segnahamna – Besuch der ehemaligen deutschen Wetterstation

Leicht verspätet bestiegen wir gegen 16.40h das vorletzte Zodiac Richtung Segnahamna. Eine kurze erste "Taxifahrt" mit Wet Landing in die Bucht. Der Weg zur ehemaligen Wetterstation der deutschen Marine war einen knappen Kilometer lang und mit einem leichten Aufstieg durch antauende Schneefelder und tundraartige Landschaft hindurch, verbunden. Bei immer noch nahezu wolkenlosem Himmel und Temperaturen um die fünf Grad wurde uns nach kurzer Zeit bereits ordentlich warm und die wasserdichte Kleidung sorgte tatsächlich für einen Saunaeffekt. Bis auf die wenigen Hinterlassenschaften der zerstörten Wetterstation und einigen Vögeln gab es - für uns zumindest - nicht viel zu bestaunen.

Nachdem wir die "Taxifahrt" per Zodiac zurück zum Schiff absolviert hatten, blieb nicht mehr viel Zeit, um noch rechtzeitig zum geplanten Empfang durch den Kapitän und dem Rückblick auf den Tag, Recap genannt, sowie einen Ausblick auf das umfangreiche Programm des morgigen Tages zu kommen.
Offiziell endete der Tag mit dem ersten a la Carte/Willkommensmenü der Reise im Hauptrestaurant. Eine schöne Idee dabei war, dass die wesentlichen Speisen der Karte ausgestellt auf einer Anrichte standen, und man sich so bereits einen ersten Eindruck, was einen erwarten würde, machen konnte. Die Gespräche mit Kristoffer und Audun, zwei Expedition Guides, an unserem Tisch waren sehr interessant und informativ. Wir lernten viel zu dem Drumherum der Arbeit als Expeditionsguides. Außerdem konnten wir durch unser Panoramafenster immer wieder neben dem Schiff auftauchende, schwimmende oder fliegende Papageientaucher beobachten.

Die Observation Lounge war heute, wie gestern bereits, unsere letzte Station vor dem Zubettgehen. Mit etwas Ausdauer sieht man eigentlich immer etwas, so unsere Erfahrung. Und tatsächlich konnten wir nach knapp 30 Minuten "Ausguck" mehrere Minkwale sichten. Ein schöner Tagesbonus/-abschluss.

3. Tag 17.06.23 Ytre Norskoya und Smeerenburg

Die Nacht, die hier oben ja keine Nacht ist, verlief ruhig. Die Zimmer sind super gedämmt. Weder am Tag noch nachts hört man jemanden vorbeilaufen oder Geräusche anderer. Erste Sonnenstrahlen empfingen uns nach dem Aufwachen auch heute früh. Mit ein paar mehr Wolken als gestern, aber ebenso fast windstill. Auch die See daher wieder platt wie eine Flunder. Und noch vor dem Frühstück unsere erste Walross-Sichtung auf einer kleinen Eisscholle.

Im Anschluss standen zwei Aktivitäten an. Woher man von den Aktivitäten weiß? An sich als Anzeige auf dem Zimmer-TV, aber aktuell noch per Aushang bei der Rezeption, wird das Tagesprogramm und die Gruppeneinteilung mit den in etwa Zeiten am Tag angezeigt. Ebenso wird man am Vorabend während des Recap bzw. Ausblicks auf den nächsten Tag informiert. Die Gruppenzusammensetzungen bleiben natürlich über die Reise hinweg gleich.

In der Bucht der nordwestlich(st)en Insel Ytre Norskoya liegend, starteten wir heute als zweite Gruppe. Von hier aus fingen Niederländer im 17 Jahrhundert für etwa 40 Jahre lang Wale. Bis es keine mehr gab. Etwa 160 Walfänger, die ihr gefährliches Leben ließen, wurden hier "begraben". Die Gräber stehen heute unter Denkmalschutz und sind zwar von der Landestelle aus erreichbar, aber für Gäste gesperrt. Es ging nach einer dreiviertel Stunde dann nicht direkt zurück zum Schiff, sondern weiter mit einer sog. Zodiac Cruise, für etwa 45min, um die Insel herum. Mein Highlight hier die Puffins, Papageientaucher, die sich immer wieder um unser Boot schwimmend und dann tauchend zeigten.

Zurück auf dem Schiff erreichte uns die Bordfunkansage "Eisbär gesichtet". Und die Information, dass man alle Passagiere, startend mit unserer Gruppe, per Zodiac dorthin fahren würde. Mantel und Kamera geschnappt und schwupps saßen wir, nach kurzem Anziehen der Stiefel/Rettungsweste im Mud Room, schon im ersten Zodiac auf dem Weg zum Eisbären. Nach 15min Zodiacfahrt erreichten wir den Eisbären. Auf dem Bauch, alle Viere von sich gestreckt, lag er entspannt im Schnee. Wow. Noch mehr Glück hatten wir, als er kurz aufstand, um wohl seine Schlafmulde etwas auszubessern. Nachdem alles richtig zu sein schien, lag er auch schon wieder... Ein schönes, ausgewachsenes und scheinbar gut genährtes Männchen.

Zwar war der Tagesplan damit über den Haufen geschmissen, aber es zeigte, dass man bei Albatros flexibel mit sich ändernden Situationen umging und den Gästen so viel und das so schnell wie möglich bieten wollte. Und definitiv stehen die Eisbären bei allen Svalbard-Besuchern hoch im Kurs bzw. sind oft, wie für uns, der Hauptgrund, Svalbard überhaupt zu besuchen. Ein schönes Highlight am zweiten Tag bereits! Und wir waren noch nicht einmal am Packeis...

Walrosskolonie Smeerenburg

Während wir uns nun weiter auf den Weg nach Amsterdamöya und das dortige Smeerenburg, zur bekanntesten Walrosskolonie Svalbards, machten und nach leckeren Tacos vom Mittagessen, legten wir, wie immer, eine Mittagspause ein. Diese Mal unterbrochen von einer Durchsage: Erneut passierten wir auf dem Weg eine "besetzte" Eisscholle, dieses Mal mit zwei Walrössern darauf... Erst eins, dann zwei, dann viele?
Gegen 16.00h erreichten wir dann Smeerenburg, ebenfalls ein Ort einer ehemaligen niederländischen Walfängersiedlung, und uns empfing, wie "bestellt" und bereits vom Schiff aus gut sichtbar, die Walrosskolonie am Strand von Smeerenburg.

Wir gehörten dieses Mal zur letzten Gruppe, die an Land diese wundersamen Tiere besuchen durften. Eine große Gruppe von männlichen Walrössern lag eng beieinander und verschlief den Nachmittag. Wunderbar friedliches Bild. Ansonsten zeichnete sich der Strand durch eine ebenfalls kurze aber intensive Walfängerzeit der Niederländer, ebenfalls im 17. Jahrhundert aus. Am Strand zeugen heute noch die Überreste der riesigen Kochstationen, in denen das Walfett eingekocht und weiterverarbeitet wurde, von der Zeit vor vierhundert Jahren!

Am Abend folgte das tägliche Briefing. Zwei tolle Nachrichten. Anstatt, wegen des immer noch sehr weit in den Süden ragenden Packeises in den Süden Svalbards auszuweichen, wurde die Entscheidung getroffen, ins Eis weiter Richtung Norden zu fahren. Ein nagelneues Schiff mit der höchsten Eisklasse muss ausprobiert werden. Zweite gute Nachricht, die Brücke ist ab morgen offen. Meint, dass man jederzeit als Gast auf die Brücke kann und der Besatzung dort bei der Arbeit zuschauen kann. Cool und immer noch außergewöhnlich, da das grundsätzlich bzw. seit Corona immer noch nicht oder wieder von vielen Gesellschaften angeboten wird. Hier zeichnen sich erneut die gewünschte Nähe zum Gast und der Vorteil eines kleinen Schiffes ab.
Heute stand dann abends, erstmals auf diesem Schiff geöffnet, das Hot Rocks Restaurant auf dem Programm – das Restaurant auf Deck 8 wird dazu genutzt. Bedeutet, man grillt am Tisch sein eigenes Fleisch, eigenen Fisch oder Gemüse auf einem 450 Grad heißen Lavastein. Können wir nur empfehlen. Es qualmt und raucht im gesamten Restaurant auf Deck 8, tolles Essen - ein Riesenspaß.

Heutiges, würdiges Ende des interessanten und schönen Tages war dann noch Live Musik durch einen der Expeditionsguides, Kevin, in der Bar. Mit eigenen, aber auch gecoverten Songs. Sehr schön mit Gitarre vorgetragen, emotional und passend zum Tag.

Und, erstmals gab es später auch etwas (mehr) nickende, gierende und rollende Bewegungen des Schiffs und den ersten Regen. Erster Reisetablettenalarm… Wie es wohl morgen mitten auf dem offenen Meer weitergehen würde?

4. Tag 18.06.23 Raudefjord bis ans Packeis

Bis morgens war vom gestrigen Seegang nichts mehr zu spüren. Kurz vor dem Raudefjord war die See wieder spiegelglatt. Heute war an sich ein sogenannter Seetag, aber speziell. Zwar ohne Zodiacexkursionen dafür aber mit dem Versuch bis ans Packeis heranzufahren. Laut Karten, die wir bei den abendlichen Informationen gesehen hatten, hält sich dieses Jahr das Packeis lang und zäh bis an den nördlichen Rand Svalbards. Der Grund hierfür sind wohl wochenlange nördliche Winde, die das Eis Richtung Süden gedrückt haben.

Daher wurde ab heute der ursprüngliche Reiseplan über den Haufen geworfen. Ursprünglicher Plan war es, den nördlichen Bereich Svalbards zu umfahren und bis in die interessante Hinlopenstraße vorzudringen. Mit dem Packeis, das auch die Hinlopenstraße immer noch fest im Griff hatte, unmöglich. Daher Plan B. Statt erst in den kommenden Tagen nördlich bis an das Packeis zu fahren, machten wir die "Not" zur Tugend und starteten nach einem Loop durch den Raudefjord, der selbst noch zur Hälfte mit Eis bedeckt war, heute bereits die Reise ans Packeis.

Im Raudefjord selbst hatten wir morgens aber auch schon Glück. Denn bereits vor dem Frühstück wurde ein Eisbär gesichtet. Unser zweiter. Ich stand bei der Durchsage wo natürlich? Unter der Dusche... Egal, fix in die Klamotten, Kamera über die Schulter und ab aufs Außendeck. Immer noch rechtzeitig. Der Eisbär lief am Ufer des Fjords vermutlich auf der Suche nach Fressbarem umher. Gut sichtbar und etwa 300m vom Schiff entfernt.

Etwa eine Stunde lang begleiteten wir ihn bei seiner Suche an Land und im Wasser. Dabei war er/sie recht fix unterwegs. Nun konnten wir uns gut vorstellen, wie diese Bären bis zu 80km Strecke am Tag zurücklegen können und trotzdem aufmerksam Ihre Umgebung nach Futter absuchen.

Das verspätete Frühstück bot also bereits viel Gesprächsstoff. Weiter Richtung Norden nahm fast minütlich das Treibeis in Zahl, Größe und Dicke zu. Spannend. Der Blick gen Horizont schien eine geschlossene Eisdecke zu suggerieren. Der Kapitän fand aber immer wieder Lücken oder schob Eis zur Seite. Auch das Brechen des Eises durch das Schiff nahm zu. Begleitet von entsprechenden Geräuschen und Vibrationen im Schiff. Manchmal kamen wir sogar beim Auffahren auf dickere Schollen gefühlt zum Stehen. Mit Geduld und Technik gelang es aber immer wieder weiterzukommen. Parallel hielt René, Guide und der Eisbärspezialist an Bord, vormittags passend einen guten Vortrag über Eisbären. Es gab viele interessante Dinge über diese Bärspezies zu erfahren. Bspw., dass diese Bären im Gegensatz zu ihren Verwandten (fast) ausschließlich Fleisch fressen und bis zu 6 Monate ohne Futter überleben können. Oder dass sie sehr gute Schwimmer sind und an sich nicht zu den Landtieren sondern zu den Meerestieren zählen.

Eisbärensichtung im Packeis

Besonders spannend wurde es später noch, als René natürlich genau während des Mittagessens, in 4km (!) Entfernung einen Eisbären sichtete. Wie bitte? 4 Kilometer? Zunächst konnte den niemand außer ihm wohl spotten. Er wurde daher von den Kollegen bereits verspottet. Und außerdem wollte der Kapitän ursprünglich, wir waren auf Höhe des 78ten Breitengrads, nur noch ein kleines Stück weiter ins Eis reinfahren. Gibt es nämlich keine Lücken mehr zwischen den Eisschollen, kann das Schiff diese nicht wegschieben und wir würden irgendwann feststecken. Letztlich verließen sich aber alle auf René und dessen Erfahrung, und wir fuhren immer weiter in das Eis hinein. Unglaublich, aber der Kapitän brachte uns schlussendlich und geduldig in etwa 90min bis auf etwa 300m an den Bären, der gerade einen Robbe erlegt haben musste und in Teilen bereits gefressen hatte, heran. Abenteuerliche und beeindruckende Fahrt durchs fast geschlossene Eis. Die meiste Zeit genossen wir das Spektakel direkt auf der Brücke, quasi direkt neben Kapitän und Expeditionsleiter und deren Teams. Oder auf den „Wings“, zwei „Balkonen, die beidseitig am Bug des Schiffes ausgefahren werden können und einem das Gefühl vermitteln, man stehe fast auf dem Eis...

Den Bären konnte ich selbst erstmals aus etwa 1,5km durch das 600er Tele meiner Kamera als kleinen „gelblichen“ Punkt erkennen... Da noch nicht fotografierbar. Aber Stück für Stück wurde aus dem Punkt ein Bild. Bis eben 300m vor dem Bären Schluss war. Etwa eine weitere Stunde verweilten wir bei dem Tier, das sich durch zahlreiche Möwen, die auch "ein Stück vom Kuchen" abhaben wollten, gestört fühlte. Manchmal verjagte der Bär die, aus seiner Sicht, lästigen „Schmarotzer“. Abwechselnd mit Umherlaufen, wieder Hinlegen und Beute unter dem Schnee besser verstecken bzw. vergraben. Da der Bär durch seine Beute ortsgebunden war, hatten wir am Ende eine sehr gute Sicht auf seine Eisscholle.

Auf der Rückfahrt in Richtung offenes Gewässer, also Richtung Süden wieder, trafen wir im Abstand von zwei Stunden noch auf zwei große Bartrobben auf Eisschollen. Wie soll es anders sein, die erste während des Vortrags zum Thema Robben. Ab dem frühen Abend bewegten wir uns dann wieder in eisfreiem Gewässer bei spiegelglatter See.

Erwähnenswert noch, dass es nachmittags, ab 16.00h immer in der Lounge/Hauptbar ein Kuchenbuffet gibt. Heute wurde das Buffet „ersetzt“ und es gab frisch zubereitete Crêpes Suzette, mit oder ohne Vanilleeis. Schöne Idee.

Der Tag wurde bzgl des Programms wie immer mit einem Recap und Ausblick abgeschlossen. Nach dem wieder sehr schmackhaften Abendessen, heute im a la Carte Restaurant, spielte Kevin uns erneut ein paar seiner, von den Reisen mit Albatros Expeditions inspirierten und komponierten Songs. Sehr angenehm und ein schöner Abschluss des Tages für uns.

5. Tag 19.06.23 Packeis, oder?

Gegen 6.40h in der Frühe passierten wir, heute eisfrei, nördlich von Spitzbergen den 80. Breitengrad. Deutsches Fragewort mit zwei Buchstaben? Hä? Wie ging das, nachdem wir gestern beim 78. Grad bereits fast feststeckten? Heute Nacht gab es etwas Wind aus südlicher Richtung. Der schob oder besser blies das Eis Richtung Norden. Faszinierend. Über Nacht wurde das Eis also um fast 2 Breitengrade Richtung Norden "verschoben". Der Wind sorgte natürlich auch für etwas Wellen und Schiffsbewegung, aber soweit alles gut aushaltbar.

Der Titel des Tages lautete ja, "Packeis, oder"? Es wurde mehr „Oder“ als Packeis. Denn bereits gegen 8.00h zog ordentlich Nebel an der Packeisgrenze auf. Daher wurde sowohl das Sichten von Aktivitäten auf dem Eis, als auch das sichere Navigieren auf Sicht deutlich erschwert. Folglich entschied sich die Expeditionsleitung dazu, wieder Richtung Süden zu cruisen, um wenigstens am restlichen Tag das Zodiac Cruising entlang eines Gletschers anbieten zu können.

Die Zwischenzeit nutzten wir, um an einer Präsentation zum Thema Eis teilzunehmen. Wissenschaftlich fundiert wurde die Entstehung der verschiedenen Eisarten erläutert. Gletscher-, Seeeis und Permafrost. Sehr interessant, da auch erläutert wurde, wie sich der Planet (chemisch) abkühlen und überhaupt erst Eis auf der Erde entstehen konnte. Bzw. was auch erklärte, warum aktuell beschleunigt Eis schwindet.
Überhaupt sind alle Vorträge, die wir bisher miterlebten, von sehr hoher inhaltlicher Qualität. Wer mag, kann einiges Neues mitnehmen und die Zusammenhänge, die in den arktischen Regionen bestehen, besser verstehen.

Nach dem Vortrag liefen wir bereits (erneut) im Smeerenburgfjord ein. Bei plötzlich nun wieder bestem Wetter. Windstill und sonnig mit ein paar Wolken. Dieses Mal wollten wir ganz durch den Fjord, an Smeerenburg vorbei, bis zu den Gletschern am Ende durchfahren. Doch der nächste Knaller folgte sogleich. Wir hatten es uns gerade auf der Kabine gemütlich gemacht und angefangen zu lesen/schreiben, als über Bordfunk die Ansage kam, dass mehrere Eisbären gesichtet worden seien. Mehrzahl? Mehrere? Fast schon Routine, ab in die Schuhe, Kamera gegriffen und auf die Brücke. Und tatsächlich, drei Bärinnen, eine mit zwei Jungen beim Fressen bzw. Stillen, eine mit einem Jungen sowie eine schlafende Bärin waren an einer Moränenlandzunge gut sichtbar. Sechs auf einen Streich! Und das Sonnenlicht dazu. Was für eine Wendung an diesem zunächst wettermäßig trüben Tag. Die erste 16GB-Fotospeicherkarte war mit dieser Szenerie endgültig an ihre Grenzen gebracht. Und besonders heute gut, dass ich dazu noch vor der Reise kurzfristig ein 600er Tele für die Kamera beschafft und eingepackt hatte!

Zodiacausfahrt ans Ende des Smeerenburgfjords

Mittags war dann ursprünglich ein Lunch-Barbecue auf dem Außendeck vorgesehen. Schöne Abwechslung. Aufgrund der morgendlichen Wetterbedingungen aber (zwar trocken, aber windig und neblig), wurde dieses vorsorglich nach drinnen ins Hauptrestaurant verlegt. Spanferkel und reichlich Gegrilltes kam auf den Teller. Prima Idee und lecker war's. Erstmals konnten wir nach dem Essen unsere wunderbaren Sonnenliegen auf der eigenen Kabinenterrasse genießen. Mit bestem Blick auf die am Ende des Fjords liegenden drei Gletscher und mit ordentlich Sonne im Gesicht.

Eine weitere Überraschung erwartete uns am Nachmittag. Das Management gab das WLAN für alle Gäste frei, gratis. Bis abends konnten wir damit zwar nicht viel anfangen, aber wenigstens war es uns - trotz der selbstverordneten Mobilfunkquarantäne - dann abends auf offener See möglich, den Lieben eine kurze Nachricht zu schreiben. Fanden wir am Ende doch ganz gut, Lebenszeichen senden und (gelegentlich) erhalten zu können…

Zurück zum Tag. Nachmittags stand dann eine längere Zodiacausfahrt ans Ende des Smeerenburgfjords an. Bei bestem Wetter fuhren wir, natürlich die Sicherheitsabstände wahrend, entlang der Gletscherenden des Smeerenburgbreens, der bestimmt an die 30 bis 40m über uns hochragte. Beeindruckende Kulisse. Auch einige Bartrobben ließen sich blicken und genossen ebenfalls sichtlich die wärmenden Sonnenstrahlen während ihres Mittagsschlafs auf den umhertreibenden Eisschollen. Zu den Eisbären vom Morgen schafften wir es mit den Zodiacs leider nicht ganz, was der ursprüngliche Plan war, da mittlerweile ein anderes Schiff unseren Platz einnahm. So sind die Regeln. Über zwei Stunden waren wir auf dem Wasser unterwegs und trotz der Sonne und tollen Natur am Ende doch froh, wieder auf dem etwas wärmeren Schiff zu sein.

Nach dem Abendessen lagen wir mit dem Schiff nochmals an der morgendlichen Stelle, wo wir die Gruppe Eisbären antrafen. Und siehe da, alle sechs noch da! Die Mutter hatte sich satt mit den zwei Kleinen (vermutlich weniger als ein Jahr alt) etwas weiter weg, als am Morgen, zurückgezogen. Ebenso die einzelne schlafmützige Bärin. Dafür fraßen jetzt die andere Mutter mit ihrem Kleinen (vermutlich 1,5 bis 2 Jahre alt). Die Guides vermuteten, dass die Eisbärinnen die Reste eines Walrosses vertilgten. Man konnte tatsächlich bei entsprechender Bildvergrößerung die Ansätze eines Walrosszahns ausmachen. Also Reserven für mehrere Tage, falls nicht ein Männchen auftauchen würde. Denn dann würden sich die Mütter umgehend mit den Kleinen verziehen. Ihre Kleinen sind leichte Beute und stehen daher gerne auf der Speisekarte der männlichen Eisbären. Was für Bilder und was für ein Abschluss des Tages! In diesem Fall ein Danke an den natürlichen Wegweiser am Morgen – den Nebel…

Wie die Expedition weitergeht, lesen Sie in Kürze im zweiten Teil von Stefan Schäfers Reisebericht.

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